Kulturspeicher. Aufschreibesysteme im Zeitalter digitaler Archive.
Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Georg Christoph Tholen, Ordinarius, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel.
Die Konferenz von Shift 2008 beleuchtet das Festivalthema „record, record“ diskursiv aus verschiedenen Perspektiven. Sie wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel durchgeführt. Zu drei Unterthemen gibt es jeweils drei Kurzvorträge und eine anschliessende Diskussion der Refererierenden mit dem Publikum.
Einführungsvortrag
Sa, 25.10. 2008, 11.00 h, Kleine Halle
Prof. Dr. Georg Christoph Tholen
Ordinarius, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel.
Zwischen Erinnern und Vergessen - Der Ort des Gedächtnisses. Eine Problemskizze
Das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft(en) selektiert im Prozess der Sammlung, Erschliessung und Aufbewahrung der Kulturgüter sowohl die Quantität als auch die Quantität der Informationen. Medienhistorisch betrachtet, ist das Archiv jener feste Ort, der den Dokumenten und Monumenten gegen das Vergessen eine dauerhafte Bleibe zuweist. Modell und Vorbild des Archivs ist die Bibliothek. Das Archiv konstituiert und bezeugt das kulturelle Gedächtnis. Seine Konsignationsmacht prägt das archivierbare und erinnerbare Wissen - und dessen Beziehung zur Zukunft. Kulturspeicher sind stets zugleich Dispositive des Wissens und der Macht.
Nicht nur mit der Daten-Migration im digitalen Zeitalter, d.h. mit der Codierbarkeit und Auflösbarkeit von ehemaligen Medienformaten, sondern auch mit der Dynamisierung der Datenspeicherung und -verbreitung entstehen neue Formen des Kulturspeichers, welche das - immer schon unvollständige - Gedächtnis neu konfigurieren. Doch erst die Unterscheidung von Speicher, Gedächtnis und Erinnerung erlaubt es, die Lücke zwischen Erinnern und Vergessen und zwischen vergangener und künftiger Überlieferung auszuloten.
Panel 1
Die Macht der Archive. Gestern und Heute
Sa, 25.10. 2008, 11.30 h - 13.30 h, Kleine Halle
Prof. Dr. Wolfgang Ernst
Lehrstuhl für Medientheorien, Seminar für Medienwissenschaft, Humboldt Universität zu Berlin
Ästhetik der Zwischenspeicherung
Die theoretische Diagnose kann zunächst eine Machtverschiebung von der vertrauten abendländischen Ästhetik emphatischer Langzeitarchivierung hin zu kurzfristigen Datenpuffern in Kultur, Medien und Menschen (die gedächtniskulturelle, medienarchäologische und neurobiologische Perspektive) - also vom Raum des Archivs zu dessen radikaler Temporalisierung identifizieren. Nicht nur die Macht der Archive verschiebt sich unter den Bedingungen einer technomathematischen Medienkultur, sondern auch die Definition des Archivs verlangt nach einem neuen, dynamischen Modell, für das der herkömmliche Begriff des Archivs selbst schon ein Hindernis darstellt. Das klassische Archiv als justiziables Gedächtnis administrativer Macht wird als Institution und Format fortbestehen, doch das neue mediale Gesetz des Sag-, Zeig-, Schreib-, Hör- und Rechenbaren transformiert zu einer zeitkritischen Instanziierung von Zwischenspeichern.
Prof. Dr. Herbert Burkert
Präsidium FIR-HSG, Titularprofessor für öffentliches Recht, insbesondere Informations- und Kommunikationsrecht, Universität St. Gallen, Forschungsstelle für Informationsrecht
Archive - Informationsmacht und Gegenmacht
Illustriert durch eine Reihe von Beispielen werden zunächst die - insbesondere auch politischen - Zielsetzungen und Wirkungen von Archiven dargestellt und die besondere Rolle digitaler Archive analysiert. Die so dargestellten Zusammenhänge werden mit Hilfe des Begriffes "Informationsmacht" strukturiert. Damit wird ein konzeptioneller Rahmen gesetzt für eine Gegenüberstellung institutioneller und individueller Informationsmacht. In diesem Rahmen werden dann die Verfügbarkeit, Brauchbarkeit und Grenzen von Macht balancierenden Instrumenten erörtert, insbesondere von "Informationsrechten" (z.B. Datenschutz, Informationsfreiheit, open access, information recycling) aber auch von Möglichkeiten informationeller "Gegenorganisation".
Dr. rer. nat. Martin Warnke
Akademischer Direktor Rechen- und Medienzentrum, Fach Kulturinformatik,
Projektleiter "HyperImage – Bildorientierte e-Science-Netzwerke", Leuphana Universität Lüneburg
Das Paradox der digitalen Archive
Entgegen einer geläufigen Auffassung von Immaterialität des Digitalen taugen informatische Archivierungsverfahren nicht so ohne Weiteres für die Ewigkeit: Medien verrotten, Festplatten scheinen zu „sterben“, Chip- und ganze Rechnergenerationen lösen sich ab, Formate verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Es gibt zwar Strategien, trotz data rot und technischer Veralterung ein Mindestmass an Dauerhaftigkeit zu gewährleisten, aber eines funktioniert nicht mehr: das Liegenlassen und Wegschliessen von Archivalien ist unter Bedingungen der Digitalität kein Schutz vor Abnutzung mehr, sondern ihr schlichtes Todesurteil. Das Paradox der digitalen Archive, das da lautet: „Bei analogen Archivalien bleicht jeder Blick die Schätze, digitale Archivalien wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis“ oder, etwas salopper: „Rührmichnichtan trifft Betriebsnudel“, dieses Paradox ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Anschliessend Diskussion mit den drei Referierenden.
Moderation: Prof. Dr. Georg Christoph Tholen, Ordinarius, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel
Panel 2
Gedächtnis und Medienwandel. Vom Auftauchen und Verschwinden der Archive
Sa, 25.10. 2008, 14.30 h - 16.30 h, Kleine Halle
PD Dr. Matthias Vogel
Dozent und Projektleiter am Institute for Cultural Studies in the Arts und am Institut für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste, Privatdozent am Kunsthistorischen Seminar der Universität Basel
Der Gang eines Flötenspielers durch die Archive
Der Vortrag untersucht anhand von Fallbeispielen, Werner Bischofs Fotoikone "Der kleine Flötenspieler..." wird dabei eine zentrale Rolle spielen, das Auftauchen von Bildern aus den Archiven und das verschwinden in ihnen. Dazwischen steht der Gebrauch der Bilder in andern Medien: den klassischen Printmedien, der Ausstellung, dem Internet. All diese Medien, die Archive eingeschlossen, besitzen ein innovatives Potential, das im oft unbeabsichtigten Fort- und Überschreiben von Bildinhalten und Bildästhetiken ihren Ausdruck findet. Der Beitrag will den Fragen nachgehen, was ein Archiv leisten sollte, um die bewegten Bildbiografien aufzuzeichnen und zu speichern, und ob die digitalen Archive dabei den analogen überlegen sind.
PD Dr. Kornelia Imesch Oechslin
Privatdozentin an der Universität Zürich und Dozentin mit Forschungsauftrag am Institute for Cultural Studies in the Arts (ICS) der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)
Die Schweizer Filmwochenschau (1940–1975) und ihre Neuerschliessung als Zäsur
Archive „tauchen auf“, Archive „verschwinden“. Dieser komplex bedingte Prozess kann zu Erkenntnis, zu Belastung wie zu Entlastung oder Verlust führen. Er erweist sich als aktiv konfiguriertes Kräftefeld, in dem öffentliche Interessen der Wissensgesellschaft verhandelt werden. Anhand der Schweizer Filmwochenschau (1940–1975) sollen einige Implikationen des „Auftauchens“ respektive der Neuerschliessung dieses audiovisuellen Dokuments unter den Stichworten und Themen „kollektives Einschreibsystem“, „grosse Erzählung“ und „Leerstelle“ diskutiert werden.
Prof. Dr. Franziska Sick
Professorin für Sprach- und Literaturwissenschaften, Institut für Romanistik, Universität Kassel
Link und Gedächtnis
Jegliches Gedächtnis, insbesondere aber Archive, basieren auf einem gewissen Organisationsgrad: Mnemotechniken in der Antike, Katalogsysteme in der Buchkultur, Links in der Computertechnik. Zu fragen sein wird, wie die Technik des Links unser Gedächtnis strukturell verändert, aber auch, wie der Link das Vergessen oder das Verwirren von Erinnerungsstrukturen befördert. Historisch von Interesse ist Ted Nelson, der Erfinder des Hyperlinks. Seine Vision von einem Archiv aus Links soll mit der alten Gedächtnisform erzählter Geschichten kontrastiert werden, die in ihrer avancierten Form den Link antizipieren, insofern sie mit komplexen Verweisstrukturen traditionelle Narrationsmuster unterlaufen. Solche Konzepte greift die Hyperfiction auf.
Anschliessend Diskussion mit den drei Referierenden.
Moderation: Dr. Dominik Landwehr, Medienwissenschaftler, Abteilungsleiter Pop und Neue Medien, Migros Kulturproduzent
Panel 3
Aufzeichnen und Samplen. Verwenden und Entwenden der Archive
So, 26.10. 2008, 12.30 h - 14.30 h, Kleine Halle
Prof. Daniel Weissberg
Komponist, Co-Leiter des Studiengangs Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern, Publizist
Gestorben! Aufzeichnungsmedien als Friedhöfe. Warum Aufnahmen sterben müssen.
Aufzeichnung von Musik wird gemeinhin mit der Speicherung von Schallwellen gleichgesetzt. Diese existiert jedoch erst seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der westeuropäischen Tradition wird Musik schon seit dem 9. Jahrhundert aufgezeichnet. In einem kurzen Abriss werden Stationen der Entwicklung von der Erfindung der Notenschrift bis zu den fliessenden Übergängen zwischen Aufzeichnung und Synthese im Bereich digitaler Medien beleuchtet und einige Bedeutungsaspekte reflektiert.
Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer
Professorin am Institut für Musik der Universität Oldenburg, Lehrstuhl für Musik und Medien.
Sampling ist überall
Sampling-Praktiken sind in der Musikgeschichte nichts völlig Neues. Zitieren, Parodieren, Variieren etc. sind seit Jahrhunderten auf der musikalischen Tagesordnung, nur hat das Sampling im Zeitalter der medialen Verfügbarkeit von Klängen, das Tempo, die Kopietypen etc. verändert. Susanne Binas-Preisendörfer wird anhand von Beispielen über die Technologie und Geschichte von Sampling in der Popmusik ebenso sprechen wie über ökonomische und ästhetische Fragen, etwa die Re-Implementierung von Konzepten von "Authentizität" bzw. "Beseeltheit" mit der Verfeinerung der Technologie oder den Konflikt verschiedener Modelle von Autorschaft und Urheberrecht.
Prof. Dr. Verena Kuni
Institut für Kunstpädagogik/Visuelle Kultur, Goethe-Universität Frankfurt, seit 1999 Leitung der <interfiction>-Tagung für Kunst, Medien & Netzkultur.
http://www.kuniver.se http://www.interfiction.org
Record - Remix - Reinvent! WiedErfinden, Weiterführen
Wenn Karten neu gemischt werden, verändern sich die Konstellationen. In der Wiederaufnahme und -verwendung von Vorhandenem liegt nicht nur das Potential kritischer Revision im Sinne einer Dekonstruktion. Vielmehr forcieren kombinatorische, performative und transformative Verfahren von der Permutation bis zum Upcycling weiterführende Perspektiven. In diesem Sinne lassen sich "remixes" von "record(ing)s", das " Verwenden und Entwenden der Archive", als WiedErfinden mit grossem "E" verstehen: Als innovative kulturelle und künstlerische Praxis, die ihr Rohmaterial aus dem Speicher schöpft. Wer "remixes" dem gegenüber Raubbau unterstellt, übersieht, dass ein solcher Gebrauch zugleich erhält: Ein Archiv, das nicht genutzt wird, gerät in Vergessenheit und verfällt.
Anschliessend Diskussion mit den drei Referierenden.
Moderation: Raffael Dörig, Kurator [plug.in], Mitorganisator Shift