Film, Video & Performance
Schaulager
Fr, 23.10. – So, 25.10.2009
Das Film-, Video- und Performance-Programm von Shift 09 enthält acht Beiträge zum Thema "Magic. Übersinnlichkeitsvermutungen und Technologiebeschwörungen", darunter einmalige Live-Acts, aber auch Beiträge, die wiederholt werden oder unabhängig von den eigentlichen Screenings auch an Videostationen angeschaut werden können. Die Beiträge werden verzauberte, horrifizierte, belustigte und auf jeden Fall um Realitätsebenen bereicherte Zuschauer hinterlassen. Eingeladen als Kuratorinnen und Kuratoren sowie als Gäste sind: Erik Bünger, Stephan Hauser, Felix Kubin, Verena Kuni, Mobileskino, Rachel O’Moore, Valérie Perrin, Harald Thys und Jos de Gruyter.
SCREENING 1
kuratiert von VALÉRIE PERRIN
Fr, 23.10.2009, 20.30 h mit Einführung durch Valérie Perrin
Sa, 24.10.2009, 11.30 h
INCANTATIONS CINÉMATOGRAPHIQUES
Das Erscheinen einer neuen Technologie wird häufig assoziiert mit einer rätselhaften Macht, die es vermag, die Türen zu einem Paralleluniversum zu öffnen. Von sichtbar gewordenen Geistern dank fotografischer Technik bis zu unterschiedlich aufgenommenen und dadurch plötzlich hörbar gewordenen Stimmen von Toten – es gibt unzählige Beispiele. Gewisse Filme gar entpuppen sich – manchmal ohne das Wissen ihrer Macher – als regelrechte Zauberei, durch die sich der Zuschauer vom Dasein löst und eine andere Realität erfährt.
Das Programm präsentiert drei Filme unterschiedlicher Technik, darunter je ein Vertreter des Anfangs der Computerkunst, des Kinos (16mm) und der 3D-Animation. Jeder der Filme verschiedener Epochen bietet dem Zuschauer die Möglichkeit, die Grenzen der Wirklichkeit zu erfahren. (Valérie Perrin)
LAPIS
DIR. JAMES WHITNEY
1963–1966 / 16 mm, Farbe, Ton, 10'
James Whitneys 'Lapis' (1966) ist ein klassisches Werk des abstrakten Kinos. Als Resultat der dreijährigen Arbeit mit primitiver Computerausrüstung entstand eine zehnminütige Animation. In diesem Film oszillieren kleinere Kreise, bewegen sich ein- und auswärts in einem kaleidoskopartigen Farbfeld, begleitet von Indischer Sitarmusik. Die Muster werden allmählich hypnotisch und erzeugen einen Trancezustand. Der Seh- und der Hörsinn korrellieren in dieser Arbeit und liefern ein wunderbares Beispiel für das Phänomen der Synästhesie.
THE FLICKER
DIR. TONY CONRAD
1966 / 16mm, S/W, Ton, 30'
In diesem berühmten Film wird der Betrachter in ein raumzeitliches Gefüge transferiert, in dem er sich umschauen mag und den Film im gleichen Raum passieren sieht, mit ihm. Vieles wurde über 'The Flicker' geschrieben. Der Film ist eine Bibliothek voller speziellen visuellen Materials, das Bezug nimmt auf den „Bildtakt“ bei 24 Bildern pro Sekunden.
Flackerndes Licht ist potentiell gefährlich für lichtsensible Epileptiker oder Migräne-Leidende.
EROTOS
DIR. JOACHIM MONTESSUIS
2002 / DVD, S/W, 13'
Diese Videoarbeit verbindet die Welt der Mathematik mit jener organischen des erotischen Tanzes der Körper und zeichnet eine Wechselbeziehung. Eine Einladung zu einer ruhigen Meditation.

Valérie Perrin
ist Direktorin des Espace multimédia Gantner in Bourogne (F). Im Frühjahr 2009 realisierte das Espace multimédia Gantner eine Ausstellung mit dem Titel „Ghost Machinery“, in der das Spannungsfeld oder die Koinzidenz von neuen technischen Errungenschaften und paranormalen Phänomenen vorgeführt wurde.
LECTURE PERFORMANCE (AUF VIDEO)
HARALD THYS & JOS DE GRUYTER
Fr, 23.10.2009, 11.30 h
Sa, 24.10.2009, 18.00 h
Das Künstlerduo Harald Thys und Jos de Gruyter aus Brüssel spricht in einer Lecture Performance auf Video über die Existenz von Parallelwelten und unterschiedliche Formen des Daseins – über das Handfeste, das Unbegreifbare und das Spiel der darin vorhandenen ungeahnten Kräfte. Die beiden Künstler erforschen, wie mit Hilfe bestimmter Techniken (Rituale, Ekstase oder Trance) diese anderen Welten zusammenfliessen und ineinander verschmelzen. Dies alles wird illustriert mit Ausschnitten aus bekannten Filmen, obskuren dokumentarischen Fragmenten und garniert mit einem Augenzwinkern.


Jos De Gruyter,
*1965 Geel (B); Studium an der Rijksakademie, Amsterdam.
Harald Thys,
*1966 Wilrijk (B); Studium an der Jan van Eyck Akademie, Maastricht.
Das Künstlerduo lebt und arbeitet in Brüssel. Für ihre Szenarien arbeiten sie vorwiegend in einem Mix der Gattungen Performance, Video und Installation.
THE MAGIC SHOW
KURATIERT UND PRÄSENTIERT VON VERENA KUNI
Sa, 24.10.2009, 15.30 h
Jede hinreichend avancierte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden (Arthur C. Clarke). Umgekehrt macht jede hinreichend avancierte Magie die Techniken und Technologien, auf denen sie basiert, unsichtbar – direkt vor unseren Augen. Das ist die Macht der Magie. Und es ist Kunst. Wer sich auf sie versteht, kann uns verzaubern – und uns zugleich die Augen öffnen.
Hierauf gründen nicht nur die bis heute engen Beziehungen zwischen Magie, Medien und Kunst, sondern auch ihre wechselseitig bedingten Transformationen, entsprechend den Entwicklungen in der Geschichte der Technologien, der populären Medien, der Künste und ihrer Position in der Gesellschaft. Und in der Hauptrolle auf der Bühne wie auch auf der Leinwand erblicken wir den Magier.
"The Magic Show" öffnet den Vorhang für einige der talentiertesten (Des-)Illusionisten und Meister ihrer Kunst. (Verena Kuni)

Verena Kuni
ist Kunst- und Medienwissenschaftlerin und Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Daneben seit 1989 Autorin für internationale Print- und Online-Medien. 1995–1999 Co-Kuratorin für das Kasseler Dokumentarfilm- & Videofest; seit 1999 ebd. Leitung der interfiction-Tagung für Kunst, Medien- und Netzkultur. Zahlreiche Publikationen zur künstlerischen Auseinandersetzung mit okkulten Traditionen sowie zur Medien-Wissenschaft.
SCREENING 2
KURATIERT VON STEPHAN E. HAUSER
Fr, 23.10.2009, 19.00 h mit Talk
So, 25.10.2009, 15.30 h
THE MAGIC OF DECAY … DECAY OF THE MAGIC
Kompilationsfilm aus Stummfilm-Sequenzen 1898–1926, Stephan E. Hauser 2009 / 50’ stumm
"The Magic of Decay … Decay of the Magic" ist eine Kompilation aus "restaurierten" und anschliessend digitalisierten Elementen irreversibel angegriffener Nitratfilme aus der Stummfilmzeit. Von der Filmindustrie bis 1948 verwendete Filme auf Zellulosenitratbasis waren hochentzündlich und wurden leicht Opfer chemischer Zersetzungsprozesse – weshalb nur ein geringer Prozentsatz der Nitratfilmproduktion, vielfach mit irreparablen Schäden, überlebt hat. Inspiriert von Filmen wie Ken Jacobs 'Tom, Tom, the Piper’s Son' (USA 1969–70), Peter Delpeuts 'Lyrical Nitrate' (NL 1991) oder Bill Morrisons 'Decasia' (USA 2002), lädt Hausers Kompilationsfilm dazu ein, die visuelle Magie zu erfahren, die von der kinematischen Entropie ausgeht. Am überzeugendsten stellt sich die "Magie des Zerfalls" ein, wenn der Nitratfilm über die Zerfallsmuster selbst in die im Film dargestellte Handlung einzugreifen scheint...
Kino ist "die Kunst der Zerstörung von Bewegungsbildern" (Cherchi Usai). Eine ästhetische Bewertung von Nitratzerfall nimmt demnach kritisch Bezug auf reaktionäre Vorstellungen von kinematografischer Magie – indem sie den mit der Filmbetrachtung verbundenen Wunsch, an das kinematische Ritual der Illusionen glauben zu dürfen, an seiner Erfüllung hindert. (Stephan E. Hauser)

Stephan E. Hauser
hat Kunstgeschichte in Basel studiert und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schaulager und als Redakteur der "Zeitschrift für Kunstgeschichte".
VORTRAG & SCREENING
RACHEL O. MOORE
Sa, 24.10.2009, 20.30 h mit Talk
Almost There: Gefangen zwischen dem Zufall und dem Doppel
Wie Religion ist auch Technologie in der Lage, ein Doppel der Wirklichkeit zu kreieren. Diese zweite Realität ist jedoch sehr viel elastischer und formbarer als ihr Vorbild das wir manipulieren, um es zu beeinflussen. Einst gebannt zwischen Buchdeckeln oder unter Bettdecken waren Parallelwelten, wie Thomas Hardys 'Wessex' oder Visionen bei geschlossenen Augen flüchtiger, als es die täglich erlebten virtuellen Räume heutzutage sind. 'Almost There' ('Beinahe Dort') untersucht Welten von Künstlern, die unsere Beziehung zum physikalischen Raum und zur Vergangenheit signifikant neu ausloten. Sie erforschen, was in den mysteriösen Welten der Computer einerseits und in unserer Geschichte andererseits verborgen liegt.
'Almost There' besteht dabei aus zwei Extremen: Die Verwendung von Zufall bei der Installation "Listening Post" von Ben Rubin und Marc Hanson (2003), das heute im London Science Museum ausgestellt ist, und das Verdoppeln von Markenprodukten im Werk von Lindsay Seers, mit speziellem Augenmerk auf ihr Interesse an Alchemie. Quer durch die Geschichte verfolgt Magie die Technologie wie ein Schatten. In 'Almost There' wird es jedoch weniger um deren Ähnlichkeit oder Verwandtschaft gehen, sondern mehr um die spezifische heutige Alchemie, durch welche Wissenschaft zur Kunst wird. (Rachel O. Moore)

Rachel O. Moore
ist Dozentin an der Goldsmiths University in London und John Simon Guggenheim Fellow. Sie ist Autorin von „Savage Theory, Cinema as Modern Magic“, Duke, 2000; „(nostalgia)“, Afterall/MIT, 2005.
Lecture Performance
FELIX KUBIN
Fr, 23.10.2009, 18.00 h
Paralektronoia
„Paralektronoia“ untersucht den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Paranormalität. Denn in den Lebensläufen zahlreicher elektronischer Pioniere hat das elektro-paranoide Phänomen seine Spuren hinterlassen. So entwickelte der Russe Lev Sergejewitch Termen nicht nur das Instrument Theremin, er erfand auch für den KGB die berühmt-berüchtigte Abhörwanze. Der exzentrische britische Musikproduzent Joe Meek schloss sich zeitweise bewaffnet in sein Studio ein, um die Entstehung seiner Soundeffekte geheim zu halten. Und der deutsche Komponist Karlheinz Stockhausen verkündete: „Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne.“ Der „Paralektroniker“ ist ein handelndes mentales Radio mit überempfindlichen Antennen.
Felix Kubin hat Erfinder und Musiker versammelt, um der „Paralektronoia“ auf die Spur zu kommen. Mit systematischer Feldforschung und radiofonen Experimenten erkunden sie die Auswirkungen unsichtbarer Schwingungen auf die Psyche. „Paralektronoia“ hebt die Grenzen zwischen Sender und Empfänger auf. Hören Sie auf Ihre inneren Stimmen. Ihr Radio hört mit.
Siehe Konzert von Felix Kubin: Sa, 23.00 Uhr, Konzerthalle
LECTURE PERFORMANCE
ERIK BÜNGER
Sa, 24.10.2009, 19.30 h
A lecture on schizophonia (2007–2009)
Der Begriff der „Schizophonie“, vom kanadischen Komponisten R. Murray Schaefer in den 1960er Jahren geprägt, bezeichnet die Trennung des Klangs von seiner ursprünglichen Quelle, wie sie mit den technischen Medien alltäglich geworden ist. Erik Bünger untersucht in seiner Lecture Performance ausgehend von diesem Begriff Phänomene der Popkultur. So zieht er etwa Parallelen von der Filmsynchronisation zu Besessenheit und Exorzismus, oder er beschreibt die Welle posthumer Duette in Musikvideos als Geisterbeschwörung.
Erik Bünger
*1976 Växjö/SE, lebt in Berlin/D und Stockholm/SE
Siehe auch "Gospels“ von Erik Bünger: Ausstellungshalle
Mobileskino Basel
Der Kopf des Georges Méliès
Fr + Sa, 23. und 24.10.2009, nach dem Eindunkeln unterwegs auf dem Dreispitzareal zwischen Schaulager und Fussgängerbrücke
Mit Live-Kapelle und pikantem Programm – Totale Filmlänge: 350 Meter!
Als Kollektiv für Schmalfilmelektronik kombiniert Mobileskino Basel mechanische Projektionstechnik mit elektronischen Schaltungen und lässt die digitalen Medien sozusagen Material werden; Computerumgebungen werden nachgebaut, Low-Tech-Browser entwickelt und interaktive Displays geschaffen. Die kurzen Filme, Loops und Screenings sind Hommagen an alle Kratzer und Brandlöcher und an die Vergänglichkeit ohne Copy/Paste. Am Shift Festival stellt Mobileskino Basel den Kopf des Filmpioniers George Méliès aus und zieht mit einem elektrischen Kinematographen übers Festivalgelände.
