Thema 2008: record, record – aufzeichen-speichern-verarbeiten


281 Exabytes – das ist eine Zahl mit 18 Nullen – betrug die digitale Datenmenge Ende 2007 laut einer Studie des Speichersystemherstellers EMC. Und wir alle tragen freiwillig und unfreiwillig dazu bei, dass dieser Berg täglich wächst.


Wir leben in einer Zeit obsessiven Aufzeichnungs- und Speicherhungers. Überall und ohne Unterbruch werden mit immer speicherintensiveren Medien Daten aufgenommen und aufgezeichnet, „gebackupped„ und „upgeloadet“, wiederverarbeitet und weitergereicht. Ein offensichtlich grenzenloses Archiv ist am Entstehen – verteilt und zerstreut auf komplexe Datenbanken sowie multimediale, oft mobile Anwendergeräte.

Ein Mobiltelefon zum Beispiel ist ein Aufnahmegerät ist ein mp3-Player ist ein Fotoapparat ist eine (Überwachungs-)Kamera ist eine Agenda ist ein GPS ist Speicherplatz ist ein Kleinstserver ist ein Videoplayer ist eine Waffe. Die schier endlose Praxis des Aufzeichnens, aber auch Niederschreibens, Registrierens und Protokollierens, erzeugt und bezeugt gleichsam eine neue Poesie der Sammlungen und Aktenberge. Speicherplatz und Speicherumfang scheinen endlos zu sein und doch sind sie verknüpft mit und eingeschränkt durch unbefragte Kriterien der Selektion und der Speicherung. Aufgenommen und festgehalten wird freiwillig, aber auch unfreiwillig.

Shift 2008 untersucht und befragt diese globalen Entwicklungen und zugleich ihren schleichenden und tiefgreifenden Einfluss auf den Alltag, dem man sich nicht entziehen kann. Die Fragen lauten: Was passiert mit all diesen Daten, wohin gehen sie, wer verwendet sie wie, wann und in welcher Form? Welche Funktionen erfüllen Archive und Datensammlungen und für welche Zukunft? Welcher Umgang mit Wissen, welche Überwachung und Manipulation, welcher Missbrauch ist möglich? Und welche Formen des Widerstandes und der Überlistung?

Das Shift Festival 2008 erprobt und diskutiert die Thematik unter drei Stichworten:

Aufzeichnen – to record

Das Potenzial unendlicher Aufzeichnung besteht - es muss dahingehend befragt werden, wer wann was wozu aufzeichnen darf und soll. Auch das Feld der elektronischen Künste speist sich zu einem grossen Teil aus der Möglichkeit der technischen Aufzeichnung.

Speichern – the record

Die Digitalisierung hat den Vorgang und die Macht des Archivierens verändert. Die Dominanz der zentralen, statischen Archive steht zur Disposition, zugleich bilden sich neue, dynamische, dezentrale Archive heraus - mit Filesharing, Open Source und freien Wissensdatenbanken. Denn immer muss auch nach der Zugänglichkeit zum Gespeicherten gefragt werden.

Verarbeiten und Weiterkopieren – recordrecord

Die Kunst sorgt über das Spiel mit dem Aufzeichnen und dem Aufgezeichneten für die Brüche, die den Blick unter die Oberfläche öffnen. Der Blick auf die spezifische Materialität eines Aufzeichnungsmediums ebenso wie die Praxis des Wiederholens, Stotterns, Remixens auf der Basis der Archive lässt die Signifikate mit den Signifikanten tanzen – nicht zuletzt auch als lustvollen Umgang mit der unvorstellbaren Datenfülle.