„Magische Kanäle? Über Phantome und Phantasmen in der Mediengeschichte“

Schaulager

 

Fr, 23.10. – So, 25.10.2009



Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Georg Christoph Tholen, Ordinarius, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel

Die Konferenz von Shift 09, „Magische Kanäle? Über Phantome und Phantasmen in der Mediengeschichte“, beleuchtet das Festivalthema diskursiv aus verschiedenen Perspektiven. Sie wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel durchgeführt.



Freitag, 23.10.2009

13.30-16.00 h


Moderation: Prof. Dr. Georg Christoph Tholen, Ordinarius, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel




13.30 h


Einführung: Prof. Dr. Georg Christoph Tholen und Samuel Sieber




13.45 h


PD. Dr. phil. habil. Wolfgang Hagen
Privatdozent für Medienwissenschaften, Humboldt-Universität Berlin und Leiter der Abteilung Kultur und Musik im Deutschlandradio Kultur



“Para!” – Epistemologische Anmerkungen zu einem Schlüsselbegriff der Medienwirkungsforschung (“Parasocial Interaction”)



“Observations on Intimacy at a Distance” – Beobachtungen zur Intimität unter Distanzbedingungen, so sorgfältig übertitelten die beiden amerikanischen Soziologen Horton & Wohl ihren Befund von 1958, der in der Medienwirkungsforschung einen bis heute gültigen Wechsel einläutete. Seither nämlich gilt der Zuschauer/Zuhörer/Nutzer von Medien als “aktiv & kreativ” und nicht mehr als blosses Reflexopfer medialer Stimulantien. Er agiert, so unterstellten es Horton & Wohl und nahezu alle modernen Wirkungstheorien, im Stande einer sog. “parasozialen” Interaktion. Es handelt sich um einen Zustand, der ein „Als Ob“ konstruiert. Als ob Günter Jauch in meinem Zimmer sässe und zu mir spräche. Um welche Trance handelt es sich und was ist ihre Geschichte?



14.30 h
Prof. Dr. Martin Stingelin 
Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft, Universität Dortmund



Basel um 1900 unter dem Eindruck von medialen Beeinflussungsapparaten



Beeinflussungsapparate bevölkern unseren Alltag: alle technischen Geräte, die wir per Knopfdruck bedienen, manipulieren ihrerseits gleichzeitig uns selbst. Der von Viktor Tausk geprägte Begriff des „Beeinflussungsapparates“ steht also für eine kaum „verrückte“ Umkehrung der Perspektive: eine „paranoische“ Umkehrung und die ihr entspringende Hellhörigkeit und Scharfsicht, welche eine Vorwegnahme des Machbaren erlauben. So dokumentieren in der historischen Retrospektive die Fallgeschichten einer Reihe von vermeintlichen „Paranoikern“ in Basel um 1900, wie das Eigenleben neuer „Medien“ wahrgenommen und behelfsmässig mit dem Spiritismus erklärt worden ist.



15.15 h
Prof. Dr. Stefan Kramer
Professor für Sinologie, Universität Leipzig   



Der Dualismus des Ästhetischen zwischen Sinn und Übersinn – und ein Versuch seiner Desontologisierung



Die Idee des Transzendenten gilt als unabdingbare Voraussetzung für jede Vorstellung von Übersinnlichkeit und Magie. Sie bezeichnet das Überschreiten von Grenzen eines immanenten Dualismus, der zwischen dem Seienden als einer materiellen Wirklichkeit und einer nicht-materiellen Wahrnehmung als sein – notwendiges – Anderes immer wieder das sich ihnen entziehende Transzendente, Übersinnliche, Magische „beschworen“ und die Kulturtechnologien, die „Medien“, irgendwo an deren Schnittstellen verortet hat. Anhand von alternierenden Wirklichkeitsvorstellung werden die erkenntnistheoretischen Ontologien dieses Dualismus der Welt- und Wirklichkeits¬konstruktion und ihre kulturtechnologischen Übersetzungen dem Versuch einer Desontologisierung unterzogen.





Samstag, 24.10.2009

13.00-15.15 h


Moderation: Dr. Hansmartin Siegrist, AV-Produzent Visavista, Audiovisual Communications und Dozent für Medienwissenschaft, Universität Basel und Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel





13.00 h
Prof. Dr. Hubertus von Amelunxen
EGS Walter Benjamin Chair, Saas Fee/New York



Von Geistersehern und sehenden Geistern



Der Spuk des Mediumnismus im 19. Jahrhundert ist eine bereits entzauberte Phantasmagorie. In ihr wird die Bezauberung des Verlustes gewahrt. Die menschliche Wahrnehmung wird an die Geräteschaft eines technifiziert-mediumnisierten Panoptikums überantwortet. In seinem Vortrag untersucht Hubertus von Amelunxen die Begegnung von Spiritismus und Photographie des 19. Jahrhunderts, den „kosmischen Schauer im Erlebnis des Unsichtbaren“ (Walter Benjamin) als eine letzte Form des Sublimen.



13.45 h
Prof. Dr. Oliver Fahle
Professor für Filmwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum



Aggregatzustände des Sichtbaren. Magie und Technologie im französischen Film der 1920er Jahre



Der französische Film der 1920er Jahre versteht sich als (filmischen) Aufbruch in die Moderne und Experimentierfeld des Bewegungsbildes. Im Zentrum steht das Verfahren des kinematographischen Apparats, das eine Verwandlung der Materie ins Sichtbare beschreibt; ein Sichtbares jedoch, dass das Wissen und die Wahrnehmung von dieser Materie verändert und von den Cinéasten Delluc und Epstein als magisch bezeichnet wird. Im französischen Filmschaffen wird deutlich, inwiefern Magie und Technologie im Kinematographischen zusammenwirken, um ein klareres Verständnis der sichtbaren Zusammenhänge unserer Welt zu gewinnen. 



14.30 h
Prof. Dr. Anne Jerslev
Professorin für Film- und Medienwissenschaft, Universität Kopenhagen 



Die magische, mysteriöse Welt von David Lynch – Betrachtungen des „Dazwischen“ in „Lost Highway“ und „Inland Empire“



In den Werken von David Lynch existieren immer mehrere Welten gleichzeitig; dunkle, verborgene Bereiche, die seine Charaktere – wie auch seine Zuschauer – betreten dürfen. Oft wissen die Charaktere nicht, wo sie sich befinden – oder wer sie sind; Räume sind durchsichtig, ihre Grenzen verschwommen, Subjektivitäten fragil, und die Realität ein merkwürdiger Ort „dazwischen“, magisch und ungeheuer zugleich. In ihrem Vortrag untersucht Anne Jerslev die verschwommenen Grenzen zwischen „Realität“ und „unheimlicher Magie“ in zweier späteren Filme von Lynch: „Lost Highway“ (1997) und „Inland Empire“ (2006).





Sonntag, 25.10.2009

12.30-14.00 & 14.15-15.45 h


Moderation: Dr. Anna Tuschling, Assistentin am Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel





12.30 h
Prof. Dr. Ute Holl
Ordinaria, Institut für Medienwissenschaft, Universität Basel



Zwischen Bild und Gesetz der Übertragung



Philosophie und Anthropologie, Biologie und Kybernetik des beginnenden 20. Jahrhunderts werden von einem Rätsel umgetrieben, das das 19. Jahrhundert offen liess: das Verhältnis von Physiologie und Sozialem (Lévi-Strauss). Medienwissenschaft konstituiert sich an (der) Stelle dieser Frage, hält sie jedoch konstitutiv offen. Um die Lücken zu bestimmen, die Übertragung zwischen jenen binären Polen erst ingang setzen, muss Medienwissenschaft sowohl die Beschaffenheit materieller Kanäle als auch immaterielle Übertragungsformen untersuchen. Die Frage nach einer Magie der Übertragung ist nicht nur im Feld der Beziehung von Physis und sozialer Psyche aufzuwerfen, sondern auch als Gründungsfrage unserer Kultur: als die zwischen Gesetz und Bild, Gesetzlichkeit und Bildlichkeit.



13.15 h
Frank Furtwängler
Medienwissenschaftler und Strategic Creative Director bei plazz entertainment, Gruendwald



Der größte Trick aller Zeiten: Medien und Reversibilität



Kaum eine menschliche Vorstellung ist ungeheurer, als die einer wie auch immer gestalteten Zeitumkehr. Zwischen wissenschaftlichen Gedankenexperimenten und magischen Tricks positionieren sich Medien als Werkzeuge, die es ihren Urhebern ermöglichen, unter bestimmten Bedingungen den Fluss der Zeit tatsächlich umzukehren, Dinge ungeschehen zu machen, im Spiel gar den Tod zu überwinden. Wir begegnen dabei jedoch immer auch Phantomen und Geistern, die diese halbrealen Phantasien begleiten und bestimmen.



14.15 h
Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel
Professorin für Europäische Ethnologie / Volkskunde, Universität Augsburg



Aufgeklärte Weltbürger? Zur Symbiose von Okkultismus und technischer Moderne



Unsere heutige Zeit ist durch Widersprüche geprägt. Auf der einen Seite haben Bildung, Fortschritt und Forschung dazu geführt, die Lebenswelt rational-technisch zu durchdringen, auf der anderen Seite gibt es ein starkes Bedürfnis nach Transzendenz, spiritueller Erfahrung, Mystik und Magie. Zwischen diesen Polen besteht ein enger Zusammenhang. Der okkulte Schatten folgte dem aufgeklärten Weltbürger seit seinem Aufbruch in die Moderne. Geister und Geist bilden eine unauflösliche Symbiose.



15.00 h
Frank Nordhausen
Publizist und Autor, Berlin



Das Elektrometer der Scientology - eine magische Glaubensmaschine



Zentral für das geistig-psychische Manipulations- und Glaubenssystem der Scientology ist ein technisches Gerät, der sog. E-Meter. Indem Scientology ihn als elektrischen Apparat einsetzte, mit dem das Gedanken- und Gedächtnislesen wissenschaftlich messbar werden sollte, wurde sie die erste wahrhaft moderne Sekte der Welt. Technisch nicht mehr als eine Art Lügendetektor, glauben die Scientologen, damit bei der Rückführung in vergangene Leben ‚Engramme’ aufspüren und löschen zu können, welche angeblich die Entfaltung des geistigen Potenzials hindern. Mit dem Elektrometer besitzt Scientology ein machtvolles Manipulationsinstrument, das Wissenschaftsgläubigkeit ausbeutet und mit Esoterik verbindet.