Ausstellungshalle


Do 28.10. – So 31.10.2010


Unsere Zeit ist stark durch den Gebrauch technischer Medien geprägt – dies betrifft auch unsere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Konstitution von Geschichte. Vor diesem Hintergrund zeigt die Festivalausstellung internationale künstlerische Positionen, die auf unterschiedliche Weise einen Blick in die Vergangenheit und auf unser Medienzeitalter zusammenbringen.
Hauptthemenstränge sind das Spannungsfeld von menschlicher Erinnerung und medientechnologischer Aufzeichnung – heute oft untrennbar verbunden –, die Frage nach der Vermittlung und Konstitution von Geschichte durch technische Medien und davon ausgehend Geschichtsfiktionen und die Auseinandersetzung mit vergangenen Zukunftsvisionen; schliesslich aber auch die künstlerische Erforschung des Potentials obsoleter, veralteter Technologie, verbunden mit dem emanzipatorischen Potential der Bastelei.

Kuratiert von Raffael Dörig

Führungen Ausstellung & Shift in Progress


Do 20.30 h
Fr 13.00 h und 20.00 h
Sa 13.00 h und 20.00 h
So 13.00 h

Treffpunkt Eingang Ausstellungshalle




Aram Bartholl

(*1972, Bremen / D, lebt in Berlin / D)

Random Screen (2005)
Lichtinstallation

Random Screen ist ein mechanischer thermodynamischer Bildschirm, der nicht steuerbar ist und vollkommen ohne Elektrizität auskommt. Zur Beleuchtung und Steuerung des 5x5 Pixel grossen Screens kommen herkömmliche Teelichter zum Einsatz. Jeder einzelne Pixel ist eine eigenständige Einheit. Kernbestandteile sind eine Projektionsfolie, eine modifizierte Bierdose und ein Teelicht. Die Kerze dient als Lichtquelle und versetzt gleichzeitig mit ihrer aufsteigenden Wärme die zweckentfremdete Bierdose in Bewegung.

Die Verbindung des Grundprinzips des digitalen Bildes schlechthin, des Pixels, mit Konzepten aus einer Zeit vor der Nutzung des elektrischen Stroms resultiert in der Erfindung einer Erfindung aus der Vergangenheit, wie sie aber nur rückblickend konzipiert werden kann.



Julius von Bismarck

(*1983, lebt in Berlin / D)

The Space Beyond Me
(2009)
Installation



Shift Talk:
Sa 15.00 h
Lounge

„The Space Beyond Me“ („Der Raum jenseits von mir “) führt Phänomene des Empfindens von Zeit und Raum vor Augen und zieht Parallelen zur medientechnologischen Aufzeichnung. Ein Film wird mit einer alten 16mm-Kamera, die zu einem Projektor umgebaut wurde, in einen runden Raum projiziert. Der Film, der ja gewissermassen gespeicherte Zeit ist, wird von der phosphoreszierenden Wand gespeichert, auf der die Bilder, ähnlich wie unsere Erinnerung, langsam verblassen. Der Projektor bewegt sich entsprechend der Kamerafahrten im Film; der in der Zeit gespeicherte Raum faltet sich aus. Am Schluss ist der Film als Wandbild sichtbar, man kann sich sozusagen der Wand entlang durch die verblassende Erinnerung bewegen.
www.juliusvonbismarck.com



Critical Art Ensemble

(gegründet 1987, USA)

Marching Plague
(2006)
Video (17’)


Das Critical Art Ensemble zeigt über Reenactments von gescheiterten militärischen Experimenten auf, dass die Idee einer „biologischen Kriegsführung“ immer primär als medial vermittelte Behauptung bzw. Propaganda existierte. In Wirklichkeit hat sie nie funktioniert, aber das Kreieren eines Klimas der Angst ist zur Durchsetzung politischer Ideen nicht erst in den USA des George W. Bush gezielt eingesetzt worden. Das
Critical Art Ensemble war selbst betroffen: Es wurde 2004 wegen des Verdachts auf Bioterrorismus angeklagt und erst 2008 freigesprochen. Das Reenactment als Wiederaufführung vergangener Ereignisse wird hier als Neuinterpretation der Vergangenheit verstanden, die Erkenntnisse für die Gegenwart liefert und zu einer „kritischen Gegenerzählung“ beiträgt.
www.critical-art.net




Paul B. Davis

(*1977, St. Louis / USA, lebt in London / UK)


Shift Talk:
Sa 15.30 h
Lounge

"Im Dezember 1968 präsentierte Douglas Engelbart seine „Human-Augmentation“-Forschung an der Fall-Joint-Computerkonferenz in San Francisco. In 90 Minuten demonstrierte er dort die erste Computermaus, die die Öffentlichkeit je zu Gesicht bekam (die er 1963 erfunden hatte), und führte zugleich erstmals eine Videokonferenz, E-Mail und Hypertext vor. Seine Sprache ist so etwas wie „produktivitätsutopisch“, wenn ich hier einen Begriff dafür erfinden darf, denn er fordert uns auf, uns vorzustellen, welch unglaubliche  Tätigkeiten wir mit Computersystemen in unserem täglichen Arbeitsleben verrichten könnten. Ich dachte, ich könnte den „Microsoft-Office-Assistenten“  – eine neuere Entwicklung des Produktivitätsutopischen – bitten, ihm dabei behilflich zu sein." Paul B. Davis

Mother of all Demos (2009)
Video (7’)

Paul B. Davis hat sehr früh alte Spielkonsolen gehackt und diese Praxis in die Kunst gebracht. Beim Nintendo Entertainment System (NES) wird hierfür das Spielmodul geöffnet und einer der ursprünglichen Chips durch einen selbstprogrammierten neuen ersetzt. Nebst dem Interesse, den alten Konsolen neue, ungewohnte Bilder und Töne zu entlocken, ist Davis auch der politische Aspekt seines Hackings wichtig, der dem Öffnen der geschlossenen, proprietären Systeme innewohnt. Leztlich geht es ganz grundsätzlich darum, das Vorgegebene nicht als unvermeidlich anzuschauen.

Als Teil des Kollektivs Beige war Davis auch Herausgeber des „8-bit Construction Set“ (2001), einer Schallplatte, die neben Musik auch die Software enthält, mit der die Musik auf alten C64- und Atari-Computern gemacht wurde.




Aleksandra Domanović

(*1981, Novi Sad / SRB, lebt in Berlin / D & Ljubliana / SLO)

19:30
(2009)

„
19:30“ ist eine Anthologie der Musik der Fernsehnachrichten der Region Ex-Jugoslawiens, beginnend von den ersten TV-Nachrichten 1958 bis heute. Aleksandra Domanović, in Slowenien aufgewachsen, geht von der Erfahrung während der Jugoslawienkriege aus, als um 19:30 Uhr alle gebannt vor den Fernsehschirmen sassen, als die Hauptnachrichten über die neusten Entwicklungen berichteten. Die Musik, die diese Nachrichten umrahmte, wirkt heute als Erinnerungstrigger für diese Zeit.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens wurden aus den einstigen Regionalstationen Staatssender neuer Länder. Deren Nachrichtenmusik enthält oft martialische und nationalistische Elemente. Domanović liess die TV-Musik von Techno-DJs remixen. Technoparties waren kurz nach dem Krieg eine Möglichkeit, den Nationalismus tanzend hinter sich zu lassen.
www.aleksandradomanovic.com





Gijs Gieskes

(*1977 in Geldrop / NL, lebt in Geldrop / NL)

Strobovj
(2008)

Prepared Gameboys
(2010)

Audiovisuelle Performance:
Fr 21.00 h

Konzerthalle

Workshop:
Sa 16.00-19.00 h und So 14.00-17.00 h
Ausstellungshalle

Demonstration Strobovj & Prepared Gameboys:
Fr 15.30 h, Sa 15.00 h,  So 13.30 h

Gijs Gieskes gehört zu den kreativsten Köpfen einer internationalen DIY-Szene (DIY steht für „do it yourself“), die aus obsoleter Technologie und Technikabfall neue Dinge kreiert, insbesondere im Bereich experimenteller Musikinstrumente. In seinen Maschinen wirbelt er Ebenen der Geschichte von Kunst und Technologie durcheinander. So kombiniert er – immer in Lo-Fi-Manier – in seinen „prepared Gameboys“ John Cages Konzept des „prepared piano“ mit der Subkultur von 8-Bit-Musik und Circuit-Bending und zieht in der audiovisuellen Maschine „Strobovj“ Parallelen zwischen animierten GIF-Bildern aus dem Netz und dem Phenakistoskop, einem Vorläufer des Films aus dem 19.Jahrhundert.

Der DIY-Kultur wohnt seit jeher auch einmal ein implizit, einmal ein explizit politisches, konsumkritisches Moment inne.
www.geskes.nl





IOCOSE

(gegründet 2006, I)

Floppy Trip
(2009)
Objekt und Video

Shift Talk:
So 14.30
Lounge

«Festplatten veralten, Tastaturen verlieren Tasten, Diskettenlaufwerke laufen zu langsam, Bildschirme fallen auseinander. Sie werden weggeworfen, scheinbar nutzlos.
Wie können wir das Potential dieser Produkte nutzen, ihre versteckten Qualitäten und unbekannten Eigenschaften?
Die Antwort heisst RECYCLING.
FloppyTrip ist der neuste Durchbruch in Sachen Recycling. Diese neue intelligente Droge stellt jeden zufrieden: vom Jugendlichen, der noch nie eine Floppydiskette gesehen hat, bis zum alternden 80er-Nostalgie-Nerd; zudem diejenigen, die mit Recycling arbeiten, diejenigen, die Drogen brauchen, um den Hunger zu vergessen oder Wissenschaftler, die an neuen Halluzinationen interessiert sind.
FloppyTrip ist für alle.
FloppyTrip ist leicht zuzubereiten.
FloppyTrip ist günstig.
Besonders wichtig: FloppyTrip ist legal.»
IOCOSE
www.iocose.org





Olia Lialina

(*1971, Moskau / RUS, lebt in Stuttgart / D) und


Dragan Espenschied

(*1975, München / D, lebt in Stuttgart / D)

Olia’s and Dragan’s Comparative History of Classic Animated GIFs and Glitter Graphics
(2007)

Vortrag:
So 15.15 h
Schaulager

Bevor Blogs und Social-Networking-Webseiten das Design persönlicher Websites vereinheitlichten, waren Homepages Spielwiesen des Amateur-Webdesigns. In jüngster Zeit sind vermehrt Stimmen zu hören, die den historischen Wert dieser Welt anerkennen, etwa Olia Lialina und Dragan Espenschied, die sich als Künstler, Theoretiker und Dozenten früh mit der Problematik befasst haben, zuletzt ausführlich im Band „Digital Folklore“. Ihre Arbeit in der Ausstellung vergleicht animierte GIFs des frühen Amateurwebs mit ihren Pendants zehn Jahre später in Form von Glitter-Grafiken. Während die GIFs für das anarchische Ausprobieren der Technologie durch Amateure stehen, sind die mit Generatoren erzeugten Glitter-Grafiken Sinnbild für ein vereinheitlichtes Web der Templates und der slicken Oberflächen.
www.teleportacia.org




Armin Linke

(*1966, Mailand / I, lebt in Mailand / I & Berlin / D)

Nuclear Voyage
(2008)
3D-Film auf Blu-ray Disc (10’22’’)
Sound: Renato Rinaldi

Die 3D-Technologie ist zurzeit das grosse Versprechen der Zukunft des Kinos und Fernsehens. 3D hatte schon in vergangenen Zeiten Konjunktur als Zukunftstechnologie: um 1900 in der Fotografie, in den 1950ern im Kino. In die 1950er-Jahre führt Armin Linkes 3D-Video, in dem es um eine Technologie geht, die wie kaum eine andere für grosse Zukunftsversprechen stand und gleichzeitig für die Kehrseite der Fortschrittsidee: um die Atomenergie. Linke hat in stillgelegten Reaktoren gefilmt, in denen immer noch Menschen arbeiten, um die gefährliche Strahlung unter Kontrolle zu halten. Zu sehen ist veraltete Hightech, die an Science-Fiction der Vergangenheit erinnert. Die Bilder sind unspektakulär und unterlaufen so die Überwältigungstechnologie 3D. Das Versprechen des Neuen sieht alt aus.
www.arminlinke.com





monochrom

(gegründet 1993 in Wien / A)

Sowjet-Unterzögersdorf – Das Adventure Game
(2005-)
Computerspiel

monochrom-Gala:
Sa 18.00 h
Lounge

Das Kunst-Technologie-Philosophie-Kollektiv monochrom wählt für seine Auseinandersetzung mit dem Problem der Historiographie die Form der Geschichtsfiktion, die mittels eines Computerspiels erzählt wird, und zwar in der fast ausgestorbenen Gattung des Adventure-Games. Ausgangslage ist die «Implementierung einer „falschen Erinnerung“» an Sowjet-Unterzögersdorf im österreichischen Weinviertel, eine Exklave und letzte existierende Teilrepublik der UdSSR.

«In Sowjet-Unterzögersdorf wird ein fiktiver, verschoben grotesker Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart entwickelt, verhandelt und eingesetzt. In dieser Hinsicht beteiligt sich das Projekt sowohl an der Produktion wie auch der Kritik kultureller und kollektiver Erinnerungen.» monochrom
www.monochrom.at




Deimantas Narkevičius

(*1964, Utena / LT, lebt in Vilnius / LT)



Once in the XX Century
(2007)
Video (8’)


Die Glaubwürdigkeit der Bilder und die Rolle der technischen Aufzeichnung bei der Konstruktion von Geschichte ist Thema von Deimantas Narkevičius’ Video „Once in the XX Century“. Ausgangsmaterial sind Aufnahmen aus dem Archiv des litauischen Fernsehens, die den Abbruch einer Lenin-Statue in Vilnius nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zeigen. Die Bilder des demontierten Lenins, der am Kran hängt, gingen um die Welt und wurden zu einem Symbol des Endes der UdSSR. Narkevičius re-montiert das Nachrichten-Material so, dass man den Eindruck erhält, die Statue würde nicht umgestürzt, sondern aufgerichtet. So werden die Erzeugnisse technischer Medien vom Dokument, das mit Authentizität Geschichte bezeugt, zum Material, aus dem neue Geschichten gebaut werden.




Catalina Ossa Holmgren / Enrique Rivera Gallardo

(*1982 / *1977 in Santiago / CHL, leben in Santiago / CHL)

Multinode-Metagame
(2007-)
Installation

Talk (via Skype):
So 16.30 h
Lounge

Ossa und Rivero setzen sich mit dem Cybersyn-Projekt auseinander, das zwischen 1971 und 1973 in Chile unter der linken Regierung von Salvador Allende entwickelt wurde. Unter der Leitung des britischen Kybernetikers Stafford Beer wurde ein System entwickelt, um die staatlich kontrollierte Wirtschaft zu vernetzen. Dies geschah im Sinne der Idee eines „dritten Weges“ des chilenischen Sozialismus, der eine vernetzte Alternative zur zentralistischen sowjetischen Planwirtschaft beinhalten sollte. Cybersyn konnte nie vollständig in Betrieb genommen werden und wurde nach dem Militärputsch gegen den demokratisch gewählten Allende 1973 zerstört. Die Rechte verunglimpfte Cybersyn als Big-Brother-artiges Unterdrückungsinstrument, heute wird es als eine Art "sozialistisches Internet" gesehen.
www.multinode-metagame.cl





Nikolas Roy

(*1974, Nürnberg / D, lebt in Berlin / D)

Grafikdemo (2004)
Installation

Shift Talk:
Sa 16.00 h
Lounge

«Warum sollte uns virtuelle Realität überzeugen, wenn manchmal nicht einmal die Realität selbst überzeugend ist?», fragt Niklas Roy.
„Grafikdemo“ ist ein physisches Drahtmodell einer Teekanne im Innern des Gehäuses eines Commodore CBM-Computers aus den 1980er-Jahren. Das Modell kann mittels der Tastatur gedreht werden. Auf den ersten Blick ist kaum zu unterscheiden, ob es sich um ein Drahtmodell oder ein digitales 3D-Modell handelt, für das die Metapher des Drahtmodells benutzt wird.
Roys Objekt ist ein Wahrnehmungsspiel und eine Hommage an einen Schauplatz aus der Geschichte der Computeranimation. Seitdem der Computergrafik-Pionier Martin Newell an der Universität von Utah 1975 die Teekanne seiner Frau nachgebildet hat, ist sie zum Standardbeispiel für computergenerierte 3D-Bilder geworden.
www.cyberniklas.de





Harold Schellinx

(*1956, Maastricht / NL, lebt  in Amsterdam / NL & Paris / F)

Found Tapes Exhibition
(2002-)

Shift Talk:
So 16.00 h

Lounge

Konzert:
Sa 20.30 h

Konzerthalle

Harold Schellinx’ Projekt ist „lost & found“ im wörtlichen Sinn. Seit 2002 sammelt der Musiker und Sound-Künstler Fragmente von Musikkassetten, die er auf der Strasse findet. Er dokumentiert seine Funde online und macht die Bänder wieder hörbar, wobei Wind und Wetter für einen eigentümlichen Klang sorgen: eine Zufallsbearbeitung.
In der Fülle der Funde klingt auch an, dass die Musikkassette für eine ganze Generation mehr war als ein simpler Tonträger, man denke nur an die Mixtape-Kultur.
Zu einer Zeit, in der dieses Medium verschwindet, wird es für Schellinx zum Anlass, Städte zu durchstreifen und diese entlang der Funde zu kartografieren. Auch in Basel wird Schellinx auf die Suche gehen, denn bis jetzt wurde er in der Schweiz noch nie fündig. Ob die Kassette hier schon völlig ausgestorben ist?





Manuel Schmalstieg

(*1976, Bern / CH, lebt in Genf / CH)

Low-Rez Stories / Solaris (1972-2010)
(2010)
Video (4’15’’)

Shift Talk:
Sa 13.30 h
Lounge

In einer Szene in Andrei Tarkowskis Science-Fiction-Film „Solaris“ (1972) fährt der Protagonist durch eine nächtliche Grossstadt. Gedreht wurde sie in Tokio. Zwischen 2008 und 2009 wurden die gleichen Strassen von Googles automatisierten Panoramakameras für den „Streetview“-Service gefilmt – dieses Material verwendet Manuel Schmalstieg für eine Rekonstruktion der Szene aus „Solaris“, die er mit den Kommentaren von Usern ergänzt, die Tarkowskis Szene auf YouTube gesehen haben.
«Das Projekt will die machtvollen Repräsentationen „der Zukunft“ reflektieren, die einerseits von einem visionären Filmemacher erzeugt wurden, andererseits von einem globalen Konzern mit unbekannten Absichten, basierend auf einer simplen, naturalistischen Aufnahme von Japans Nachkriegsarchitektur.» Manuel Schmalstieg





Helene Sommer

(*1978, Oslo / N, lebt in Oslo / N & Berlin / D)

A Tale of Stone and Wood
(2009)
Video (21’05’’)

Helene Sommers Arbeit untersucht, wie Filme Geschichte, kollektive Erinnerung und nationale Identität mitkonstruieren. In den 1970er-Jahren begann die bulgarische Filmindustrie, das Bergdorf Kovatchevitsa als Drehort zu nutzen. Thema der Filme sind meist nationale Mythen, die das  Gefühl einer kollektiven Identität fördern sollen.
Helene Sommer hat 15 Filme zusammengetragen, die in Kovatchevitsa gedreht wurden, und dazu Zeitzeugen befragt. Ihre Videomontage verschränkt die gefundenen Filme und ihre Recherche. Die Kuratorin Iris Dressler schreibt dazu: «Nie kann man sicher sein, wo man sich gerade befindet: Vor einem Monitor, in einem Spielfilm oder zwischen zwei verschiedenen Filmen, in einem Archiv, in einer aktuellen Situation in Kovatchevitsa – in Realität oder Fiktion, Vergangenheit oder Gegenwart.»
www.helenesommer.net




Suzanne Treister

(*1958, London / UK, lebt in London / UK)

No other symptoms – Time travelling with Rosalind Brodsky
(1999)
CD-ROM

Das Motiv der Zeitreise beinhaltet die Veränderung der Gegenwart durch einen Eingriff in die Vergangenheit par excellence. Suzanne Treister arbeitet seit 1995 am Kosmos der Kunstfigur Rosalind Brodsky und ihrem „Institute of Militronics and Advanced Time Interventionality“. Mit Brodsky kann man vom Jahr 2058 aus durch das 20. Jahrhundert reisen und beispielsweise in den Gemächern von Freud oder Lacan stöbern. Die Arbeit kreist um Fragen von Wahnsinn und Humor, Sexualität, Identität, Politik und Technologie vor dem Hintergrund von persönlicher und kollektiver Geschichte.
Auch das Format der Arbeit hat mit „lost & found“ zu tun: Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen zur Wiederentdeckung eines vor zehn Jahren brandneuen und von vielen Künstlern erprobten, heute vergessenen Formats: der multimedialen CD-Rom.
www.suzannetreister.net




Alexander Tuchaček

(*1962, Wien / A, lebt in Zürich / CH)

Paradise Now
(2010)
Interaktive Video-Sound-Installation
Gebäude E

Shift Talk:
So 15.30 h
Lounge

„Paradise Now“ führt einen Ausschnitt aus Filmaufnahmen der Theatergruppe The Living Theatre wieder auf. Deren gleichnamiges Stück von 1968 baut auf Zuschauerbeteiligung und Improvisation auf.
«Paradise Now» befragt anhand des historischen Materials Freiheitsversprechen, Paradiesentwürfe und die damit verbundene Politik des Körpers.
Zwei Videoprojektionen zeigen zeitversetzte Ausschnitte des fast stillstehenden historischen Filmdokuments. Der Raum wird durch ein Mehrkanal-Audiosystem mit dem Originalton der Aufnahmen in Eigenschwingung versetzt. Eine Software erkennt Veränderungen der Eigenresonanz des Raums und steuert damit die Geschwindigkeit des Videos und der Tonwiedergabe. Nur durch ein aktives Herantasten im Raum werden Statements der Protagonisten wieder zugänglich und verständlich.




Sarah Vanagt

(*1976, lebt in Brüssel / B)

After Years Of Walking
(2003)
Video (36’)

Nach dem Genozid von 1994 strich die Regierung von Ruanda den Geschichtsunterricht aus dem Lehrplan der Schulen. Grund war die Befürchtung, dass gerade die ideologisch geprägte Geschichtsschreibung des Landes ein Motor des Konflikts war, da sie ethnische Unterschiede konstruierte und betonte. Die Wurzeln dieses Geschichtsbildes liegen im Kolonialismus. Die Künstlerin und Historikerin Sarah Vanagt reiste mit einem Film belgischer Missionare von 1959 im Gepäck, der eben diese angebliche Geschichte des Landes kolportiert, nach Ruanda. Sie schaute ihn dort zusammen mit Darstellern des Films sowie mit Lehrern, Historikern und Studenten an. Dies wurde zum Anlass einer Diskussion zur Suche des Landes nach seiner Geschichte und der Verarbeitung des Traumas des Genozids.
www.balthasar.be




Marie Velardi

(*1977, Genf / CH, lebt in Genf / CH)

Future perfect, 21st Century
(2006),
Laserdruck auf Papier.


Shift Talk:
So 14.00 h
Lounge

Vorstellungen über die Zukunft beflügeln die Fantasie der Menschen seit jeher. Rückblickend auf Zukunftsvisionen der Vergangenheit, etwa in der Science-Fiction, entsteht das seltsame Moment einer Art „vergangener Zukünfte“. Marie Velardis Arbeit basiert auf einem solchen Zurückblicken auf die Zukunft. Sie entwirft einen Zeitstrahl der Entwicklungen des 21. Jahrhunderts, basierend auf Science-Fiction-Produktionen von Fritz Langs „Metropolis“ über Stanley Kubricks „2001“ bis Paul Verhoevens „RoboCop“. Die Gegenüberstellung der Jahreszahlen der Entstehung der Fiktionen und ihrer angeblichen Realisierung führt vor Augen, wie Science-Fiction immer auch eine Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart und Geschichte ist.




Liu Wei

(*1972, Peking / CHN, lebt in Peking / CHN)

A Day To Remember
(2005)
Video (13’)


Liu Wei hat am 4. Juni 2005, dem Jahrestag des Massakers am Tian’anmen-Platz, Passanten gefragt, welcher Tag gerade sei. Wenn diese das Datum nannten, stellte er die gleiche Frage nochmals. Einige wussten, worauf er anspielte und antworteten, sie wollten nichts sagen. Viele sagten, sie wüssten es nicht oder liefen einfach davon. Nur zwei kamen auf das Massaker überhaupt zu sprechen. Die Arbeit macht mit einfachsten Mitteln nachvollziehbar, wie Erinnerung und Geschichte sowie das Reden darüber von politischer Repression beeinflusst werden kann.




EMS Spectre Project

präsentiert von AktiveArchive

Live-Visuals:
Fr 21.00 h
Konzerthalle

Analog-Visuals-Labor und historische Videos:
Ausstellung

Vortrag von Johannes Gfeller und Tabea Lurk:
So 14.00 h
Schaulager

Jacques Guyonnet

(*1933, lebt in Genf / CH)

Geneviève Calame

(1946-1993, Genf / CH)

Florian Kaufmann

(*1973, lebt in Solothurn / CH)

Michael Egger

(*1974, lebt in Fribourg / CH)

Der EMS Spectre ist ein früher Videosynthesizer, von dem nur gerade 15 Exemplare gebaut wurden. Die Schweizer Komponisten und Videopioniere Jacques Guyonnet und Geneviève Calame erwarben 1974 einen Spectre. Guyonnet übergab ihn 2007 der Referenzgerätesammlung von AktiveArchive in Bern, einem Projekt, das sich der Erhaltung und Überlieferung elektronischer Kunstwerke und Kulturgüter widmet. 2010 restaurierte dort Flo Kaufmann das Gerät. Kaufmann entwickelte zudem 2010 zusammen mit Michael Egger den Synkie, einen eigenen analogen Videosynthesizer. Die beiden Musiker, Künstler, Bastler und Ingenieure werden mit dem EMS Spectre, dem Synkie und weiteren historischen Geräten am Freitagabend ohne Computer Live-Visuals zum Konzertprogramm beisteuern. Zudem werden sie die Geräte in einer Art Laborsituation in der Ausstellung demonstrieren. Dort sind auch Videos der Erstbesitzer des EMS Spectre, Jacques Guyonnet und Geneviève Calame, aus den 1970er-Jahren zu sehen, die von AktiveArchive restauriert und auf DVD übertragen wurden.
Mehr über die Erhaltung und Überlieferung elektronischer Kunstwerke und Kulturgüter ist im Vortrag von Tabea Lurk und Johannes Gfeller von AktiveArchive zu erfahren.
AktiveArchive ist ein Projekt an der Hochschule der Künste Bern und wird im Rahmen von sitemapping.ch vom Bundesamt für Kultur gefördert.