Thema 2010:  


lost & found. wiederentdecken, neu interpretieren

 

Der Schweizer Elektronik-Pionier Bruno Spoerri (*1935), Spezialgast von Shift 2010, hat seit den 1960er Jahren stets mit neuesten technischen Möglichkeiten Musik komponiert und aufgeführt, aber auch Hunderte von Jingles produziert, Werbespots und Filme vertont. Heute wird seine Musik wiederentdeckt und neu zugänglich gemacht, so etwa von Andy Votels Label Finders Keepers, das auf Wiederveröffentlichungen dieser Art spezialisiert ist.



Über Werbung, Soundtracks und Jingles verbreitete sich elektronische Musik erstmals auch ausserhalb eingefleischter Kreise – die neuen Klänge standen für Fortschritt, Zukunft, technische Präzision oder Unheimlich-Seltsames. Sie sorgten für prägende, nur halb-bewusste Erlebnisse mit elektronischer Musik vor dem Siegeszug der elektronischen Pop- und Dancemusik. Im Rückblick werden Spoerris Werbefilmsoundtracks anders gehört und etwa als Musik zum Zuhören oder Tanzen rekontextualisiert – nebst der Neuinterpretation schwingt ein vage bestimmbares Gefühl von Erinnerung mit. Zukunftsmusik aus der Vergangenheit wird neu ganz gegenwärtig.

 



Der Blick auf die kulturelle Produktion vergangener Tage wird durch technische Medien verändert. Oft wird von einer unüberschaubaren „Bilderflut“ oder „Datenflut“ gesprochen. Dieser brodelnde Informationspool spült vergessen Geglaubtes hoch, löst Erinnerungen aus, lässt uns teils flüchtige, neue Vergangenheiten zusammensetzen und Neuordnungen vornehmen.

 



Für die diesjährige Ausgabe des Shift-Festivals interessieren uns eigenständige Blicke auf die Vergangenheit, die mäandrierenden Geschichten des Obskuren und Obsoleten, die der vermeintlich linearen Ereignisgeschichte entlangschrammen.

 



Neben Bruno Spoerri und seiner zeitgenössischen Neuinterpretation sind etwa Subkulturen wie die 8-bit-Szene zu nennen, die Bildsprache und Musik der frühen Computerspiele weiterschreiben. Ganze Zirkel von Schallplattensammlern und DJs heben Schätze aus verstaubten Stapeln vergangener Massenkultur, und stellen grenzenlos neue Verbindungen zwischen verschiedensten Zeiten, Orten und Kulturen her.



Künstler wie Deimantas Narkevičius mischen sich mit ihren Strategien dezidiert in den Geschichtsdiskurs ein. Als Basis und Ausgangspunkt dient ihnen die Frage nach den Vermittlungsmöglichkeiten von Geschichte durch technische Medien. Im Spiel mit der Durchlässigkeit der Grenze zwischen Fakt und Fiktion und mittels Neumontage von historischem Material, wird etwa die Konstruiertheit von Geschichte hinterfragt. Der litauische Künstler Deimantas Narkevičius beispielsweise re-montiert Mitschnitte von TV-Nachrichten die vom Ende des Realsozialismus berichten so, dass der Eindruck entsteht, dass die Lenin-Statuen nicht demontiert, sondern errichtet werden. Dadurch wandeln sich die Erzeugnisse technischer Medien vom Dokument, das vermeintlich authentisch Geschichte bezeugt, zum Material, aus dem neue Geschichte(n) gebaut werden.

 



Ein individueller Bezug zur Vergangenheit erweitert diese zum Möglichkeitsraum: Der neue Blick auf die Geschichte soll einen neuen Blick auf die Gegenwart – und in die Zukunft – gewähren.