Ausstellung


     Ausstellungshalle und Haus für elektronische Künste



Öffnungszeiten



Do         18.30 – 24.00 h


Fr & Sa 12.00 – 24.00 h


So         11.00 – 18.00 h



Die Ausstellung im Haus für elektronische Künste bleibt bis am 13. November 2011 offen.




Die Festivalausstellung zeigt rund dreissig internationale Positionen - Werke zum Anhören, Anschauen, selber Erproben und Erfahren. Beleuchtet werden verschiedene Facetten des Themas „Stimmen unter Strom“, etwa das Verhältnis von Mensch und Maschine oder die Inszenierung der Stimme in politischen Reden. Mehrere Künstler untersuchen die Mediengeschichte von künstlichen und bearbeiteten Stimmen zwischen Kriegstechnologie und Popkultur. Des Weiteren sind Arbeiten aus der frühen Videokunst zu erleben, die die Bedingungen des Mediums Video mittels Bearbeitungen von gesprochener Sprache untersuchen. Und ja, es gibt auch Vögel in der Ausstellung – mit ungewöhnlichen Stimmen.



Kuratiert von Raffael Dörig, Katharina Dunst und Katrin Steffen



„Aufnahme! Stimmexperimente seit 1914“ ist eine "Ausstellung in der Ausstellung" kuratiert von Michael Hiltbrunner. Dort werden historische, künstlerische Positionen gezeigt, welche einen je sehr eigenständigen Umgang mit Stimmaufnahmen zeigen. Ziel ist es, ungweöhnliche und doch grundlegende Momente seit der Etablierung von Aufnahmetechnike hör- und sichtbar zu machen.




HAUS FÃœR ELEKTRONISCHE KÃœNSTE:


Erik Bünger - Cardiff / Bures - Alexandre Joly - Peter Keene - Christian Marclay - Alexis O'Hara



AUSSTELLUNGSHALLE:


Atelier Hauert Reichmuth - Erik Bünger - Gary Hill - Hörner / Antlfinger -Pierre Huyghe - Koblin / Massey - Jürg Lehni - Michael Markert - Bruce Nauman - Julian Palacz - Seth Price - Manuel Saiz - Max Phlipp Schmid - Alexei Shulgin - José Toirac - Ignacio Uriarte- Steina Vasulka

 Aufnahme! Stimmexperimente seit 1914:

Anton Bruhin - Uschi Brüning/Ernst-Ludwig Petrowsky - Françoise Canal - Henri Chopin - Maurice Lemaître - Wolfgang Müller - Laurie Spiegel - Karlheinz Stockhausen - Carl Stumpf - Bogdan Zoubowitch




Führungen auf Deutsch



Do  20.30 h


Fr   13.00 h und 20.00 h


Sa  13.00 h und 20.00 h


So  13.00 h

Führungen auf Englisch



Sun 16.00 h







Haus für elektronische Künste Basel



Erik Bünger

(*1976, lebt in Berlin / DE)

The Girl Who Never Was (2011)


Text, Overhead-Projektoren


Erikbunger.com



Performance The Third Man von Erik Bünger: Sa 20.00h, Schaulager



Bünger erzählt stumm die Geschichte der ersten Stimmaufzeichnung und zieht eine Verbindung zur berühmtesten Computerstimme der Filmgeschichte.




Janet Cardiff & Georges Bures Miller

(Janet Cardiff *1957 /


Georges Bures Miller *1960, leben in Berlin / DE und Grindrod / CA)

I was in this weird ghetto (2010)


Telefon, iPod, 4’19’’


Cardiffmiller.com



In „Dreams – Telephone Series“ 2008-2010 arbeitet das Künstlerpaar Janet Cardiff und Georges Bures Miller mit dem Dispositiv des Telefons. Hebt man den Hörer des altmodischen schwarzen Tischapparats ab, wird Cardiffs Stimme hörbar, die von einem Traum berichtet. Die physische Präsenz des alten Telefons und der weiblichen Erzählstimme, lässt uns den Traumbericht sehr bildhaft imaginieren. Das Gegenüber scheint fern und nah zugleich, genauso wie der flüchtige Traum selbst: „So much was happening in this dream and I can’t remember.“




Alexandre Joly

(*1977, lebt in Genf / Geneva / CH)

Ohne Titel (2011)


Installation


Alexandrejoly.net



Einem präzisen geometrischen Muster folgend, überziehen unzählige so genannte Piezo-Lautsprecher die Architektur wie ein Netz. Doch mischen sich in die formale Strenge des sonoren Freskos ungewöhnliche Stimmen ein: Vertraut und fremd zugleich zwitschern Vögel von den Wänden. Natur und Kultur sind bei Alexandre Joly auf gegenseitige Ergänzung angelegt. Joly lässt dem Wuchernden, Konstruierten, dem Wunderbaren, Realen oder Unheimlichen gleichermassen Raum und schafft poetische Parabeln über die Zusammengehörigkeit von scheinbar gegensätzlichen Eindrücken.





Peter Keene

(*1953, lebt in Paris / F und Brüssel / BE)

Raoul Hausmann revisited (2004)


Installation


Peter-keene.fr



Künstlergespräch: Sa 19.00h, Lounge, Festivalzentrum



Peter Keene baut seit vier Jahrzehnten Maschinen, die an der Schnittstelle von Kunst, Musik und Tüftelei anzusiedeln sind, und beschäftigte sich immer wieder mit den Pionieren der elektronischen Musik, etwa Leon Theremin oder Raymond Scott. Seit den 1990er-Jahren arbeitet er an Neuinterpretationen des Optophons. Diese Erfindung des Dadaisten Raoul Hausmann aus den 1920er-Jahren blieb zu dessen Lebzeiten unrealisiert und ist ein komplexes System, das Licht und Klang verbindet. In der gezeigten Installation ist die Stimme Hausmanns – der auch ein Pionier des Lautgedichts war – mittels Vocoder in das optophonische System integriert.






Christian Marclay

(*1955, lebt in New York / US und London / UK)

Cage (1993)


Installation



Mit „Cage“, einem eingesperrten Telefonapparat im aufgehängten Vogelkäfig, lässt Christian Marclay die An- und Abwesenheit einer menschlichen Stimme auf unterschiedlichen Ebenen anklingen. Die schiere Apparatur des Fernsprechers wird zum Zeichen für die potenzielle, jedoch imaginäre Begegnung mit einer anderen Person. Auch wenn es klingeln würde, es käme nicht zum stimmlichen Kontaktaufbau. Die Vorstellung jedoch kreiert im Betrachter einen Nachhall bereits geführter Ferngespräche und ist zugleich eine kleine Hommage an den Komponisten der Stille, John Cage.




Alexis O’Hara

(lebt in Montreal / CA)

SQUEEEEQUE! a.k.a. the Improbable Igloo (2009–10)


interaktive Installation


Dyslex6.com



Künstlergespräch: Sa 18.30h, Lounge, Festivalzentrum


Performances Alexis O’Hara & Radwan Moumneh in Installation: Do 21.00h, Fr 21.00h, Sa 14.30h, So 14.30h



Die kanadische Künstlerin und Performerin Alexis O’Hara lädt das Publikum zum Experimentieren mit der eigenen Stimme in ein Iglu ein, das aus rund 100 Lautsprechern zusammengebaut wurde. Von der Decke hängen Mikrofone, in die hinein gesprochen oder -gesungen werden kann. Die Stimmen werden modifiziert und über die Lautsprecher abgespielt; das Iglu füllt sich mit dem Klang der umgewandelten Stimmen.








Ausstellungshalle



Atelier Hauert Reichmuth

(Sibylle Hauert *1966 /


Daniel Reichmuth *1964, leben in Basel / CH)

V.O.C.A.L. (2010 / 11)


interaktive Installation


Hauert-reichmuth.ch



Künstlergespräch Sa 14.30h, Lounge, Festivalzentrum



In V.O.C.A.L. verführt die Maschine Besucherinnen und Besucher zu einem Zwiegespräch. Obwohl die Stimme über Kopfhörer deutlich als synthetisch erkennbar ist, wird die Mündlichkeit als emotionale Komponente eingesetzt, um das Publikum in ein Frage-Antwort-Spiel zu den Unterschieden von Mensch und Maschine zu verstricken. Via Stimme, die uns anspricht, und Sprache, die plausibel scheint, schliessen wir auf Intelligenz, auch wenn wir sie als „künstlich“ zu bezeichnen vermögen – der Automat bekommt dadurch eine Persönlichkeit.



in Zusammenarbeit mit Volker Böhm und Suzanne Zahnd



Mit freundlicher Unterstützung von:


Kunstkredit Basel-Stadt, Sitemapping/Mediaprojects – Bundesamt für Kultur, Museum Tinguely, Kunsthaus Graz




Erik Bünger

(*1976, lebt in Berlin / DE)

Variations on a theme by Casey & Finch (2002)


Partitur, Video, Schallplatte


Erikbunger.com



Performance The Third Man von Erik Bünger: Sa 20.00h, Schaulager



Der Künstler und studierte Musiker Erik Bünger hat das Hängenbleiben einer CD zum Anlass einer Komposition genommen, die von einer neunköpfigen Band präzise stotternd gespielt und gesungen wird. Dabei wird langsam ein belangloser Discohit als Grundlage erkennbar. Die Komposition ist als Partitur und Video gezeigt und ausserdem als Edition auf Schallplatte mit gewollt hängenden Rillen (locked grooves). Die Musik durchläuft also verschiedenste Variations-Stufen des medienspezifischen Fehlers und seiner Imitation vom Pophit zum digitalen Fehler der CD zum imitierten Fehler als Partitur zur Aufnahme und schliesslich zum analogen Tonträger, wo wiederum auf eine spezifische Fehlerästhetik referiert wird.







Gary Hill

(*1951, lebt in Seattle / US)

Soundings (1979)


Video, 18’3’’



Gary Hill beginnt um 1970 die technischen Möglichkeiten elektronischer Bildgestaltung zu erforschen. In „Soundings“ ist sein zentrales Objekt ein Lautsprecherkegel. Hill spricht durch den Lautsprecher über Berührung und Ton und unterzieht ihn während mehreren Sequenzen „prozesshaften Ritualen“. Er begräbt ihn in Sand, schlägt Nägel ein, verbrennt ihn und überschüttet ihn mit Wasser. Während Hill das Zusammenspiel von Ton, Bild und Text thematisiert, wird uns die sensorische Erfahrung von Sprache und Bild dramatisch vor Augen geführt.




Hörner / Antlfinger

(Ute Hörner *1964 /


Mathias Antlfinger *1960, leben in Köln DE)

Contact Call (2008)


Installation


h--a.org



Künstlergespräch: Sa 15.30h, Lounge, Festivalzentrum



Mit Kontaktrufen (Contact Calls) stellen Vögel eine Verbindung mit anderen Mitgliedern ihres Schwarms her. Die Papageien des Künstlerpaars Hörner / Antlfinger haben die elektronischen Kontaktrufe der Menschen zu imitieren gelernt...







Pierre Huyghe

(*1962, lebt in Paris / FR)

One Million Kingdoms (2001)


Video, 7’



1999 kauften Philippe Parreno und Pierre Huyghe die Rechte an einer ausgedienten Manga-Figur. Seither haben sie durch „Anlee“ eigene Geschichten erzählt und einen vielschichtigen Kunstcharakter geschaffen. In der Videoarbeit von Pierre Huyghe sehen wir die Figur als Neonabbild durch eine futuristische Landschaft aus spitzen Bergen spazieren – Berge, die sich synchron zu den Schallwellen einer synthetischen Erzählstimme heben und senken. Abwechselnd hört man Aufnahmen der ersten Mondlandung von Neil Armstrong und Passagen aus „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne.




Aaron Koblin & Daniel Massey

(*1982, leben in San Francisco / US)

Bicycle built for 2’000 (2009)


Partizipative Webaktion


Bicyclebuiltfortwothousand.com



Die Arbeit besteht aus Stimmaufnahmen von 2088 Personen, die – gegen ein kleines Entgelt (angestellt via Amazons „Mechanical Turk“ Micro-Job Service) – eine kurze Klangdatei singend imitierten, die ihnen ohne Angabe des Kontextes zugeschickt worden ist. Zusammengesetzt ergeben die Fragmente den Lovesong „Daisy Bell“ (1892), ein Lied, das 1962 anlässlich der Präsentation der künstlichen Stimme des IBM 704 vom Computer „gesungen“ wurde. Der damals anwesende Autor Arthur C. Clarke verwendete die Szene in „2001: A Space Odyssey“, in der schliesslich der Computer „HAL 9000“ das Lied singt. In Kubricks Verfilmung wurde jedoch nicht Sprachsynthese eingesetzt, sondern die verfremdete Stimme eines Schauspielers.




Jürg Lehni

(*1978, lebt in London und der Schweiz)

Apple Talk (2007 / 2002)


Installation mit Computern und Software


Lehni.org



Jürg Lehni lässt zwei Computer mittels handelsüblicher Text-to-speech- und Diktiersoftware ein Gespräch führen. Abwechselnd lesen sich die beiden Computer vor, was sie von der Rede des anderen „verstanden“ haben. Dabei verstricken sie sich – ähnlich dem kindlichen „Telefonspiel“ – immer weiter in Missverständnisse.






Michael Markert

(*1973, lebt in Nürnberg / DE)

kII – Kempelen 2.0 (2007)


Interaktive Sprechmaschine


Audiocommander.de



Talk mit Michael Markert zur Geschichte der Sprechmaschinen: Sa 15.00h, Festivalzentrum Michael Markert bezeichnet sein Objekt als „voice-topological interface for gestural navigation in linguistic space“. Mit den Händen wird eine künstliche Stimme kontrolliert, indem das Öffnen und Schliessen des Mundes imitiert wird. Mit etwas Übung lassen sich Laute und abstrakte Worte bilden. Hände als Mund und Lautsprecher als Stimmbänder: Markert verschränkt das Körperliche und Künstliche. Seine Arbeit verweist ausserdem auf die Geschichte der künstlichen Stimmen, insbesondere Wolfgang von Kempelens Sprechmaschinen von Ende des 18. Jahrhunderts.







Bruce Nauman

(*1941, lebt in New Mexico / US)

Lip Sync (1969)


Video, 60’



In der einstündigen Videoaufnahme „Lip Sync“ sehen wir Naumans Mund in Grossaufnahme kopfüber die Worte „lip sync“ flüsternd und in strengem Rhythmus repetieren. Bild- und Tonspur setzen jedoch nicht synchron ein, so dass sich das Gesehene und das Gehörte zu einer leicht entgleisten Information zusammensetzt und die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Ursache der vermeintlichen Störung lenkt: das Medium. 1969 entstanden, ist Lip Sync eine von zahlreichen Arbeiten, die sich mit den Dispositiven der (damals) neuen Medien auseinandersetzten. Synchronisation wurde über die Kombination von Bild und Ton auf dem Videoband zu einer grundlegend neuen medialen Bedingung, die sich u.a durch eine, im Vergleich zum Film, erheblich einfacheren Produktion auszeichnete.




Julian Palacz

(*1983, lebt in Wien AT)

algorithmic search for love (2010)


interaktive Installation


Palacz.at



Künstlergespräch Sa 19.30h, Lounge, Festivalzentrum



Wie gehen wir mit der riesigen Fülle an gespeicherter und archivierter Information um? Julian Palacz hat eine Software entwickelt, die einen neuen Zugang zu audiovisuellem Archivmaterial ermöglicht. Seine Suchmaschine durchforstet die gesprochene Sprache. Das Publikum kann eine Wortfolge eintippen, worauf Palacz’ Maschine Ausschnitte aus Filmen abspielt, in denen diese Worte gesprochen werden.






Seth Price

(*1973, lebt in New York / US)

Non Speech (2010)


Video, 3’33’’



„Non Speech“ von Seth Price ist eine Videoarbeit, die sich aus zwei unterschiedlichen sinnlichen Ebenen zu einem verstörenden Ganzen formiert. Sie besteht aus einem Zusammenschnitt verschiedener US Militär-Trainingsaufnahmen, die im Zusammenhang mit der Aufrüstung der Vereinigten Staaten nach 9/11 entstanden sind. Die Tonspur ist ein Experiment des Künstlers aus dem Jahre 2003, von dem er selbst sagt, er habe es für keinen bestimmten Zweck erstellt, aber schliesslich auf die Armee-Bilderstrecke montiert. Den aufrechten Soldaten im Dienst der Nation werden über die zweifelnden, stockenden, fast informell anmutenden Stimmen etwas „Inneres“ zurückgegeben, eine mögliche andere Seite des Krieges, ohne eine Moral zu formulieren.




Manuel Saiz

(*1961, lebt in London / UK)

Specialized Technicians Required: Being Luis Porcar (2005)


Video, 2’



Werden Filme synchronisiert, so verschmelzen zwei Personen – ein Schauspieler erhält die Stimme eines anderen. Luis Porcars Stimme verkörpert in Spanien u.a. George Clooney und John Malkovich. In Manuel Saiz’ Video werden die Rollen umgedreht: Porcar ist für einmal zu sehen und nicht zu hören. Wie es dazu gekommen ist, erzählt er selbst – mit fremder Stimme.






Max Philipp Schmid

(*1962, lebt in Basel / CH)

Der Imitator (2007)


2-Kanal Videoinstallation, 6’49’’


Mit: Jo Dunkel; Produzentin: Stella Händler; Licht: Dominik Keller


Maxphilippschmid.ch



Künstlergespräch: Sa 14.00h, Lounge, Festivalzentrum



Der Imitator ist eine Versuchsanordnung: In einer schwarzen Kiste sitzt ein Mann in rotem Hemd, leicht nach rechts vorne gewendet blickt er in die Kamera; er hält seine Hände auf den Oberschenkeln und ist sichtlich angespannt. Als Schauspieler hat er den Auftrag, vor der Kamera einen Wutanfall zu improvisieren. Die Performance wurde aufgenommen, technisch verlangsamt und ihm erneut zur Imitation vorgesetzt; da der Ton in der Langsamversion wegfiel, musste der Schauspieler „seine“ Laute aufgrund der Mundbewegungen erraten. Was auf der technischen Ebene als realisierbares Experiment wirkt, erweist sich in Tat und Wahrheit zu einer nervenaufreibenden Aufgabe.





Alexei Shulgin

(*1963, lebt in London / UK)

386dx (1998)


Intel 386 DX Computer, Software



Ende der 1990er-Jahre begann der russische net.art-Pionier Alexei Shulgin einen schon damals veralteten, unscheinbaren Intel 386dx-Computer mittels einfacher Software zum Singen zu bringen. Zum Einsatz kam sein 386dx einerseits in Shulgins Performances, in denen er inklusive umgehängter Tastatur in einem Lo-Tech-Setting Rockkonzerte zitierte. Andererseits ist der Computer mit synthetischen Acapella-Versionen bekannter Pop-Hits als Strassenmusiker unterwegs, so auch in der diesjährigen Shift-Ausstellung.




José Toirac

(*1966, lebt in Havanna / CU)

Opus (2005)


Video, 4’49’’



José Toirac reduziert in seiner Videoarbeit Opus eine von Fidel Castros Marathonreden, in der sich der Revolutionsführer wie gewohnt via Staatsfernsehen an die gesamte Bevölkerung richtete. Während auf der Leinwand in rascher Abfolge nackte statistische Zahlen weiss auf schwarz aufleuchten, schrumpft Castros Rede akustisch zu einer mechanischen Rezitation bar jeglichen Sinngehalts. Toirac unterläuft Castros legendäre Rhetorik und hinterfragt dadurch nicht zuletzt die Mechanismen der politischen Propagandakultur.






Ignacio Uriarte

(*1972, lebt in Berlin / DE)

The History of the Typewriter recited by Michael Winslow (2009)


HD-Video, 20’52’’



Für seine Geschichte der Schreibmaschine liess Ignacio Uriarte in einem ersten Schritt den Originalton von 62 Schreibmaschinen verschiedenen Jahrgangs, verschiedener Länder und Technologien aufnehmen. Dann imitierte der Schauspieler Michael Winslow eine Auswahl dieser Klänge. Damit entwirft Uriarte eine etwa hundertjährige Historiografie und ein Memento für dieses mittlerweile obsolete, jedoch sehr prägende Stück Bürokultur. Mit der Übersetzung des Maschinentons in einen Klang, der dem menschlichen Stimmapparat entlockt wird, aber auch mit der individuellen Nennung und dem Geburtsdatum des jeweiligen Maschinentyps gelingt es Uriarte, dem Sinnbild für Rationalität, Bürokratie und Korrektheit eine Prise Menschlichkeit einzuhauchen und der Nostalgie Humor und Vitalität.




Steina Vasulka

(*1940, lebt in Santa Fe / US) in Kollaboration mit Joan La Barbara

Voice Windows (1986)


Video, 8’10’’



Steina Vasulka gehört zu den wichtigsten Medien- und Videokunstpionierinnen. In den Arbeiten der klassisch ausgebildeten Musikerin spielen Klänge oftmals eine wichtige Rolle. In „Voice Windows“ kontrolliert sie mit der Stimme zwei sich überlagernde Videobilder von Landschaften. Das Ineinandergreifen von Rhythmen, Farben und Bildern vermischt sich zu einem subjektiven Klangbild.




Aufnahme! Stimmexperimente seit 1914





Anton Bruhin

(*1949 in Lachen / CH, lebt in Zürich / CH)

rotomotor – ein motorisches idiotikon (1978)


Audiopoesie (28’17’’)



Der Künstler Anton Bruhin, auch als Maultrommelspieler bekannt, realisierte in den 1970er Jahren verschiedene Schrift- und Tongedichte auf Schweizerdeutsch, in denen er sinnige Worte unsinnig reihte und kombinierte. Während die Heldengesänge von 1977 noch eine Erzählung suggerieren, werden die Wörter durch ihre Reihung in rotomotor gleichsam plastisch erfahrbar. Auf der anderen Seite der LP finden sich Experimentalrockstücke mit dem Gitarristen Stefan Wittwer – Bruhin war schon damals ein Genie der Gegensätze.


Veröffentlicht 1978 auf einer LP bei Sunrise Records zusammen mit neun improvisierte stücke (1974) von Anton Bruhin und Stephan Wittwer, neu aufgelegt auf CD bei Alga Marghen Records 2001 – ohne die improvisierten Stücke, dafür mit anderen Aufnahmen von 1976/77.




Uschi Brüning/Ernst-Ludwig Petrowsky

(*1947 in Leipzig / DDR


und *1933 in Güstrow / DDR, leben in Berlin / DE)

Skizzen (1987)


Komposition: Ernst-Ludwig Petrowsky, LP Kontraste, Amiga Jazz Records (5’35’’)



Der Schlagerstar Uschi Brüning und der Jazz-Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky spielen seit den 1980er Jahren auch im Duo und gelten als wichtige Figuren des DDR-Jazz. Auf den Alben Das neue Usel bei FMP (Berlin-West) und Kontraste bei Amiga (Berlin-Ost) zeigt sich die Intensität des Zusammenspiels von Stimme und Instrument, gerade im Stück Skizzen. Das «Usel» des Duos als aussageloses Statement wurde dabei auch aufmüpfig gelesen: Die lassen sich den Mund nicht verbieten, nichts zu sagen!




Françoise Canal

(*1944 in Paris / FR, lebt ebenda)

De la poésie amplique à la musique lettriste (1971)


grafisches Gedicht



Für die Ausgabe zu Lettrismus der Revue musicale kreierte die französische Künstlerin Françoise Canal 1971 ein grafisches Gedicht. Die Erzählungen über vier Kinder und die Form einer Teetasse wandeln sich in ein Wort- und Klanggebilde – lettristische Musik. Es war Ziel des Lettrismus, die Sprache wieder in ihre Lettern zu zerlegen und so für neuen Sinn und neue Kreation zu öffnen. Nach der Gründerzeit in den frühen Nachkriegsjahren kam es um 1970 zu einer zweiten Welle des Lettrismus, der aktuell wieder entdeckt werden kann.




Henri Chopin

(1922–2008, Paris / FR)

La fusée interplanetaire (1963)


Ankündigung Jean Ratcliffe, Stimme Henri Chopin


audio poem (2’14’’)



Der Beitrag des Künstlers Henri Chopin zur Stimmaufnahme in der Kunst ist von zentraler Bedeutung, er war es, welcher zahlreiche ihrer Möglichkeiten erforschte und entdeckte, besonders auch durch die Revue OU, mit welcher er eine Plattform für weitere gleichgesinnte Künstler schuf. Seine Studie Poésie sonore internationale (1979) gilt noch heute als Standardwerk. Das ausgewählte Stück La fusée interplanetaire geht zwar ab «wie eine Rakete», besteht aber nur aus Stimmgeräuschen.



Veröffentlicht auf einer 7’’-Vinylplatte als Beilage der Revue OU – Cinquième Saison, no. 26/27, Sceaux, France 1966, wieder veröffentlicht auf OU – Cinquième Saison: Complete Recordings, Alga Marghen Records, 2002




Maurice Lemaître

(*1926 in Paris / FR, lebt ebenda)

Roxana (1953)


Klangstück mit Partitur interpretiert von Maurice Lemaître und seinem Chor (3’32’’)



Das 1953 komponierte Stück Roxana konnte der Künstler Maurice Lemaître zusammen mit drei anderen 1958 auf der 7’’-Single Maurice Lemaître présente le Lettrisme bei Columbia Records veröffentlichen. Dies auch dank André Beucler, einem Schriftsteller, der damals offenbar in der Direktion von Pathé Marconi arbeitete, zu dem auch Columbia gehörte. Teil von Roxana ist neben der Aufnahme auch eine Partitur. Die Beschreibung gibt sich anschaulich: «un morceau d’inspiration romantique: devant la mer, un homme rêve à une femme qu’il a perdue.“



Veröffentlicht 1958 auf der 7’’-Platte Maurice Lemaître présente le Lettrisme, Columbia Records, neu aufgelegt 1971 auf der 3x7’’-Box Poèmes et musique Lettristes von Maurice Lemaître in der Serie/Journal Lettrisme, no. 24. Neu aufgenommen 1959 bei der Soirée de l’Alliance Française und 1999 im CIPM in Marseille – beides veröffentlicht zusammen mit der Partitur in Maurice Lemaître: n + Σ + ∞ / – ∞ – Œuvres poétiques et musicales lettristes, hypergraphiques, infinitésimales. Réédition en fac-similé d’après l’édition original de 1965. Enrichie de 2 CD inédits, œuvres de 1950 à 2004, Éditions Le point couleurs, Clichy / FR, 2007






Wolfgang Müller

(*1957 in Wolfsburg / BRD, lebt in Berlin / DE)

Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters (2000)


Vogelaufnahmen (20’58’’)


Publikation mit Audio-CD



Der Künstler Wolfgang Müller, Mitmusiker der Tödlichen Doris, Mitgründer der Walther von Goethe Foundation in Reykjavík und Spezialist für Vogelstimmen, entdeckte 1997 bei Kurt Schwitters Merzbau in Hjertøya (Norwegen), dass der Starengesang Ähnlichkeiten mit der Sonate in Urlauten (1923–32) von Schwitters aufwies. Hatte er sich inspirieren lassen, oder hatten die nachahmungsbegabten Vögel seine lauten Rezitationen gelernt und weitervererbt? Müllers Arbeit dokumentiert die Vogelstimmen und den damaligen Zustand des Merzbaus.




Laurie Spiegel

(*1945 in Chicago / USA, lebt in New York City, USA)

Crying Tone (1975)


computerbasierte Komposition (2’29’’)


CD Obsolete Systems, Electronic Music Foundation EMF, USA 2001



Die US-amerikanische Komponistin Laurie Spiegel benutzt hauptsächlich synthetische Klänge für ihre Musik. Einzelne davon scheinen natürlich, etwa wie ein Klang von Trommeln, andere wirken sogar übernatürlich. Die Auseinandersetzung mit Stimme war für sie dabei von zentraler Bedeutung: «They are each in their own individual ways very much surrogates for my own voice in what each expresses.» In neueren Kompositionen sind es dann vor allem Tierstimmen, etwa von Mäusen oder Hunden, die sie interessieren.




Karlheinz Stockhausen

(1928 Mödrath / Dt. Reich – 2007 Kürten / DE)

Gesang der Jünglinge (1955/56)


elektronische Komposition (13’04’’)



Die installative Komposition Gesang der Jünglinge des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen wurde 1956 in der Konzerthalle des Westdeutschen Radios (WDR) in Köln uraufgeführt. Die elektronisch bearbeiteten Stimmen eines zwölfjährigen Jungen und andere Geräusche wurden mit fünf Lautsprechergruppen im Saal verteilt. Der Junge singt Stellen aus dem Buch Daniel des Alten Testaments. Es existiert keine Partitur, jedoch Skizzen für dieses von der Musique concrète inspirierte Werk.



Veröffentlicht 1959 als 10”-Vinyl-Schallplatte bei Deutsche Grammophon, 1968 vom Komponisten in Stereo neu abgemischt und hier der CD Elektronische Musik 1952–1960, no. 3 der Stockhausen Gesamtausgabe (in 100 CDs), Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten, 2001, entnommen, die beim Stockhausen-Verlag, Kettenberg 15, 51515 Kürten, DE, bestellt werden kann, www.stockhausen.org




Carl Stumpf

(1848 Wiesentheid / Königreich Bayern – 1936 Berlin / Dt. Reich)

o.T. [Vowel experiments 1–2] (1914)


Aufnahmen auf Edison-Phonographenzylinder (1’25’’ und 1’13’’)



Der deutsche Philosoph und Psychologe Carl Stumpf gründete 1900 in Berlin das Phonogramm-Archiv. Es umfasst grösstenteils ethnologische Musik aus aller Welt, aufgenommen auf Edison-Phonographenzylinder. Stumpf und sein Assistent Otto Abraham führten dabei mehrere Stimmexperimente durch, um die medialen Möglichkeiten des Phonographen zu erforschen. Die erhaltenen Aufnahmen sind auf der Website des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte dokumentiert, zusammen mit einem Rekonstruktionsversuch von Julia Kursell.




Bogdan Zoubowitch

(1901/Russland – 1999/Frankreich)

Histoire sans paroles: à l’Est rien de nouveau – Fantaisie satyrique jouée par des Poupées animées (1934)


Musik von Jean Liamine (10’34’’)



Der russisch-französische Filmemacher Bogdan Zoubowitch realisierte Histoire sans parole als geopolitische Komödie zum 1931 begonnenen sino-japanischen Krieg. Im Ausschnitt wo die Instrumente menschliche Stimmen imitieren trifft «Uncle Sam» ein, nachdem der japanische Marionettenstaat Mandschukuo einen Zug angegriffen hatte (der sog. Mukden-Zwischenfall). Beim Erscheinen 1934 war das später grausame Ausmass dieses Krieges noch nicht bekannt. Dennoch erhält der Film durch die Komposition von Jean Liamine (1899–1944) eine schon fast makabere Leichtigkeit.