Thema 2011:  


Of Birds and Wires. Stimmen unter Strom

 

Die Stimme ist das erste Medium der Sprache, sie ist das unmittelbarste Instrument, sowohl Verweis auf einen Körper als auch Trägerin von Information. Sinnliche Präsenz verbindet sich in der Stimme mit dem Sinn ihrer Botschaft. Hören wir eine Stimme, verbinden wir diese Wahrnehmung mit der Anwesenheit eines Individuums und dem originären Ausdruck seiner Persönlichkeit – obwohl Stimmen seit jeher geformt, dem Zeitgeist entsprechend trainiert oder, in jüngerer Zeit, mit technischen Mitteln aufgezeichnet und modifiziert wurden.

Mit zwei Erfindungen hat sich vor 130 Jahren unser Verhältnis zur Stimme fundamental verändert: Die technische Aufzeichnung durch den Phonographen überwand die Zeit, die fernmündliche Übertragung durch das Telefon den Raum.

In den 1920er-Jahren machte es die Verfeinerung der Mikrofontechnik möglich, dass leiser Gesang eine laute Band übertönt – ein neuer Typus des Sängers entstand, der Crooner. Mit vergleichsweise wenig ausgebildeter Stimme konnte er mittels Verstärkung seine samten erklingenden Songs in grossen Sälen hörbar machen.
Die verstärkte Stimme begann zeitgleich auch an politischen Massenveranstaltungen eine gewichtige Rolle zu spielen. Damit vergrösserte sich die Reichweite der Kommunikation, ohne dass sich die Stimme ästhetisch veränderte, ohne dass sie zum Geschrei wurde. Auf der Ebene des Affekts konnte sie weiterhin jeden Einzelnen erreichen und drang bald auch via Radiowellen direkt ins Wohnzimmer.
Die räumliche Trennung des Senders und Empfängers unterbricht aber den unmittelbaren Austausch mit dem physisch präsenten „öffentlichen Ohr“.
In einer Demokratie lenkt zwar die Stimme der Gemeinschaft das politische Handeln. Wie aber klingt diese Stimme, was sagt sie und welchem Körper gehört sie?

Entwicklungen in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Pop und Kunst sind verzahnt – dies belegt einmal mehr ein Blick auf die Geschichte technisch modifizierter Stimmen. Beispielhaft dafür steht der Vocoder, dessen Entwicklung zwischen militärischer Verschlüsselungstechnik und Big Band-Gimmick um 1940 beginnt, und der in der Popmusik der 1970er-Jahre als Erzeuger futuristischer, geschlechtsloser Stimmen von Menschmaschinen umgedeutet und popularisiert wurde.
Heute sind die Speicherung, Reproduktion, technische Modifikation und Übertragung der Stimme nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Die Auto-Tune Tonhöhenkorrektur-Software gehört zum aktuellen Mainstream-Pop, sie schönt die Stimmen der Starlets oder robotisiert Rapper. Synthetische Stimmen schliesslich werden von menschlichen Callcenter-Agenten ununterscheidbar.
Was geschieht, wenn wir die menschliche Stimme und die Stimme einer Maschine nicht mehr klar unterscheiden können? Sind wir in der Lage, einen echten und einen künstlich erzeugten Affekt auseinanderzuhalten?
Wie haben die technologischen Entwicklungen der digitalen und vernetzten Kultur unsere Wahrnehmung und Vorstellung von Stimme verändert?

Shift rückt 2011 musikalische und künstlerische Experimente mit Stimmen unter Strom ins Zentrum und stellt von der Stimme ausgehend Fragen zu Körper, Gesellschaft und Sprache.